Distributionen | Linux & Windows | Hermann Apfelböck | 3/2025 | 28. März 2025

Situation & Strategien

Mitte Oktober 2025 läuft Windows 10 ab und erhält keine Updates mehr. Das Upgrade auf Windows 11 verbietet Microsoft auf Millionen brauchbarer bis guter Rechner durch willkürlich erscheinende Hardwareansprüche. Gut, dass es Linux gibt!

Von Hermann Apfelböck

Mitte Oktober 2025 läuft Windows 10 ab und erhält keine Updates mehr. Das Upgrade auf Windows 11 verbietet Microsoft auf Millionen brauchbarer bis guter Rechner durch willkürlich erscheinende Hardwareansprüche. Gut, dass es Linux gibt!

An den Hardwarevoraussetzungen für Windows 11 scheitern die meisten Rechner mit einem Baujahr vor 2018. Selbst 2020 wurden noch Geräte mit CPUs verkauft, die Windows 11 nicht akzeptiert. Scheinbar gut ausgestattete PCs und Notebooks, auf denen aktuell Windows 10 bestens läuft, fallen durch den Vorabtest der „PC-Integritätsprüfung“ (Download: https://aka.ms/getPCHealthCheckApp) – zum Teil mangels aktuellem TPM-Chip (relevant u. a. für „Secure Boot“ und Bitlocker), zum größeren Teil aufgrund älterer CPU. Microsoft begründet die CPU-Zensur mit dem Argument der Systemsicherheit: Aktuelle CPUs können Speicherbereiche vor unberechtigtem Zugriff schützen. Ältere und abgelehnte CPUs beherrschen diese Techniken zwar auch, aber laut Microsoft nur mit unbefriedigenden Leistungseinbußen.

Ob man diese Argumente für berechtigt oder vorgeschoben hält, sei dahingestellt. Tatsache ist: Wer ältere PCs oder Notebooks aufgrund der Hardwareanforderungen nicht mit Windows 11 aktualisieren kann (oder will), muss sich nach Alternativen umsehen. Ja – muss: Denn nach Supportende ist Windows 10 durch jede neu entdeckte Sicherheitslücke bedroht und wird zur leichten Beute für Hacker.

Harter und sanfter Umstieg

Das Aus für Windows 10 in einem knappen halben Jahr fordert zeitnahe Entscheidungen, um für die Hardware und die Windows-Daten eine Zukunft zu finden. Angesichts der Tragweite und der zahlreichen Problemfelder, halten wir flapsige Web-Kommentare wie „Hau weg das alte Windows 10 und installiere ein aktuelles Linux“ für unangemessen. So richtig fröhlich ist kein Windows-Nutzer über die Notwendigkeit eines Umstiegs auf Linux. Die folgenden Artikel nehmen die Sorgen bisheriger Windows-10-Nutzer ernst und erklären alle wesentlichen Strategien und Arbeitsschritte:

• Windows durch Linux ersetzen (S. 24)

• Sicherung der Windows-Daten (S. 24 u. a.)

• Linux und Windows im Dualboot (S. 26)

• Windows als VM / Linux als VM (S. 28)

• Kontinuität der Software (S. 32)

• Umzugs- und Umstiegstipps (S. 34)

In allen Beiträgen geht es um die technische Umsetzung der Umzugsstrategien, aber auch um die Frage, wo sich welche Methode am besten eignet.

Distributionen und Desktops

Über umsteigertaugliche Linux-Distributionen und Desktops werden Sie in den nachfolgenden Seiten kaum mehr als ein paar Namensnennungen finden. Daher schicken wir hier einen Miniratgeber voraus, der für eine erste Orientierung ausreichen sollte. Denn für Windows-Umsteiger engt sich der Kreis schnell ein: Volatile Rolling Releases (zum Beispiel Arch-basiertes Endeavour-OS oder Manjaro-OS), ultrakonservative „immutable“ Releases (wie Endless-OS) oder experimentierfreudige Distributionen (zum Beispiel Fedora Workstation) scheiden ebenso aus wie minimalistische oder exotische Oberflächen (LXDE, Moksha, Openbox, Fluxbox).

Ein Linux für Windows-Umsteiger sollte einen einfachen Installer mitbringen und als Langläufer über Updates jahrelang ohne Neuinstallation auskommen. Die grafische Oberfläche sollte möglichst unkompliziert und attraktiv sein und umfassende Systemkonfiguration bieten, die weitgehend ohne Terminal auskommt. Aus unserer Sicht können Windows-Umsteiger nichts Klügeres tun, als sich kurzerhand für Linux Mint oder die offiziellen Ubuntus zu entscheiden (Ubuntu, Kubuntu, Xubuntu).

Linux Mint (https://linuxmint.com) ist mit seinem Cinnamon-Desktop zu empfehlen, weil dieser praktisch alle wichtigen Bereiche der Systemverwaltung abbildet. Mit Systemeinstellungen à la „Systemsteuerung“, durchsuchbarem Startmenü, Desktop mit Ordnerfunktionalität, kombinierter Task- und Favoritenleiste und Dateimanager mit Windows-Analogien fällt der Umstieg besonders leicht. Ein weiterer Vorteil dieses inoffiziellen Ubuntus ist die Tatsache, dass er komplett auf Containersoftware verzichtet: Es gibt keine Snap-Software; Flatpak ist zwar vorbereitet, aber es gibt keine vorinstallierten Vorgaben.

Die technisch beste Linux-Oberfläche ist vermutlich Gnome. Gnome bietet ein schickes, aber eigenwilliges Bedienkonzept, an das man sich gewöhnen muss, aber gewiss gewöhnen kann. Somit kommt auch das originale (Canonical-) Ubuntu mit Gnome-Desktop (https://ubuntu.com) in die engere Wahl für Windows-Umsteiger. Der von Canonical angepasste Gnome erfüllt mit Favoriten-Dock und Desktop als Dateiablage Wünsche, die auch Windows-Nutzern entgegenkommen.

Gutes älteres Notebook, aber nicht gut genug für Windows 11: Hier wird jede beliebige Linux-Distribution hervorragend laufen.

Eine weitere prominente Linux-Oberfläche ist KDE Plasma. Auf den ersten Blick ist KDE klassisch und Windows-like, außerdem ausgestattet mit herausragenden Systemtools (Systemeinstellungen, Infozentrum, Partitionsmanager). Aber die vielen kleingliedrigen KDE-Anpassungsoptionen eignen sich eher für Desktopbastler, die sich intensiv auf die Oberfläche einlassen wollen. Windows-Umsteiger, die sich davon angesprochen fühlen, können sich an Kubuntu
(https://kubuntu.org/) oder KDE Neon
(https://neon.kde.org/) halten. Das letztgenannte Linux ist ein inoffizielles Ubuntu, das ohne vorinstallierte Snaps auskommt.

Ein anspruchsloser Linux-Desktop ist XFCE – gewissermaßen der Minimal-Desktop für Hardware, die bisher mit Windows 10 fährt. Noch sparsamer (LXDE, LXQT, Openbox et cetera) muss man auf solcher Hardware nicht werden. XFCE ist schnell und anpassungsfähig, bringt aber nicht die umfangreichen Systemwerkzeuge von Gnome, KDE oder Cinnamon mit. Wer damit auskommt, ist mit Xubuntu (https://xubuntu.org) gut beraten. Wer XFCE ohne Snaps bevorzugt, kann die XFCE-Variante von Linux Mint (https://linuxmint.com) installieren.

Eleganter Gnome-Desktop (Ausschnitt): Die Wahl der passenden Bedienoberfläche ist für Umsteiger fast noch wichtiger als die Linux-Distribution.

Upgradetricks mit Risiken

Die LinuxWelt schreibt keine Windows-Tipps, aber der Vollständigkeit halber sollten einige Rettungsvarianten für Windows 10 zumindest erwähnt werden.

So lässt sich der Support durch Erwerb einer ESU-Lizenz um ein Jahr verlängern (Extended Security Update, 28 Euro). Die ESU-Lizenz ist aber nur ein Aufschub, den Sie auch und längerfristig mit den Lösungen ab Seite 26 und 28 dieses Specials erzielen können.
Ferner gibt es Windows-11-Installationsmethoden, die der Hardwareprüfung aus dem Weg gehen, unter anderem ein Registry-Hack oder – umfassender und zuverlässiger – eine Installation mit dem Tool Rufus (https://rufus.ie/de/), die noch weitere Optionen mitbringt. Der nach unserer Ansicht bequemste Weg ist das Inplace-Upgrade eines bestehenden Windows 10, indem man die „setup.exe“ des Windows-11-ISOs (aktuell Win11_24H2_German_x64.iso) mit

setup /product server

startet. Dabei können alle Programme und Daten übernommen werden. Das Ergebnis ist kein „Server-“, sondern ein normaler Windows-11-Desktop.
Bei diesen Methoden bleiben Risiken: Spätere Updates können diese Tricks erkennen, und es ist Microsoft jederzeit möglich, Updates für „unautorisiertes“ Windows 11 zu verweigern. Ein Windows 11, dem Sie nachhaltig vertrauen können, wird das nicht – sondern auch nur ein Aufschub.