Keine Sommerpause bei der Entwicklung von Open-Source-Programmen: Im Herbst machen wieder einige Schwergewichte wie Thunderbird, Libre Office und Digikam sowie viele clevere Tools wie Handbrake mit neuen Versionen auf sich aufmerksam.
Nach der Übernahme von Github durch Microsoft im Jahr 2018 wurden schnell kritische Stimmen laut, Microsoft sei ein schlechter Schirmherr über den dort gehosteten Code von Millionen von Open-Source-Projekten.
Die Sorge war, der Softwaregigant werde freie Projekte, die nicht zum Geschäftsmodell passen, von Github ausschließen oder schlechter behandeln. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet, obwohl es Löschungen gab: Vor einem Jahr gingen der Quellcode und die Dokumentation zum Downloadtool Youtube-DL zeitweise offline, nachdem eine Unterlassungsaufforderung von Anwälten der Musikindustrie bei Github eingegangen war. Nach einer Intervention des Github-Geschäftsführers Nat Friedman, der vorher im Open-Source-Entwicklungsbüro Ximian war, konnte Youtube-DL nach Bereinigung der Dokumentation wieder online gehen.
Programmierhilfe per KI
Insgesamt funktioniert die Zweckgemeinschaft von Open-Source-Entwicklern und Microsoft auf Github aber gut: Momentan sind dort 42 Millionen öffentliche Coderepositorys gehostet. Aber was passiert mit diesem freien Code intern? Selbstverständlich werden die Inhalte ausgewertet und dienen nun nicht mehr der Entdeckung von Programmiertrends, sondern ganz konkret zur Mustererkennung. Diese Muster, verbreitete Funktionen und Methoden in verschiedenen Programmiersprachen, gehen in den „Copilot“ (https://copilot.github.com), eine Programmierhilfe mit künstlicher Intelligenz, die beim Schreiben von Code passende Ergänzungen vorschlägt: nicht nur einzelne Zeilen oder hier und da einen Hinweis, sondern ganze Codeblöcke. Daraus entsteht gerade eine größere Kontroverse.
Lizenzfreies Coderecycling
Das Problem: Der „Copilot“ von Microsoft schlägt Code aus freien Projekten vor, ungeachtet der gewählten Lizenz. Es wird also freier Code auch in kommerziellen Programmen landen. Bei besonders freizügigen Lizenzen wie MIT und Public Domain kein Problem, aber bei der GNU General Public License (GPL) durchbricht dies die Übereinkunft, dass der resultierende Quellcode wieder unter der GPL unterliegen soll. Ein Nachweis ist bei wenigen übernommenen Zeilen oder Funktionsblöcken schwer. Und so detailliert sollte eine Behandlung von übernommenen Zeilen auch nicht ausfallen. Die Kritik an Microsofts „Copilot“ wird aus der Open-Source-Gemeinde jedoch lauter, die Grenzen verletzt sieht. Aktuell arbeitet Github deshalb an deutlicherer Auszeichnung von vorgeschlagenen Inhalten, um auf die GPL und andere Lizenzen hinzuweisen, damit Plagiate zumindest nicht zu offensichtlich ausfallen.
Digikam 7.3
Neue Version der Foto- und Videoverwaltung
www.digikam.org
In hübscher Regelmäßigkeit erscheinen neue Ausgaben von Digikam. Nach vier Monaten Arbeit ersetzt Version 7.3 das eingebaute Metadatentool Exiv2 gegen das mächtigere Exiftool. Die Duplikatserkennung nutzt jetzt mehrere CPU-Kerne und der Konverter ins universelle DNG-Format hat ein Update durch die neue Adobe SDK für neue Kameramodelle erhalten. Hinweise zur Installation fertiger Pakete und eines Appimages auf www.digikam.org/download.

Dragit 0.6.1
Einfacher Datenaustausch im LAN
https://github.com/sireliah/dragit
Es ist nicht immer einfach, in heterogenen Netzwerken schnell und einfach Dateien von A nach B zu bringen. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Linux und Windows ist Samba (Windows-Freigaben). Eine einfachere Methode bietet das Tool Dragit per Hosterkennung mittels MDNS. Linux- und Windows-Anwender können sich damit Dateien oder die Zwischenablage senden. Die Webseite bietet Dragit für Linux und Windows (64 Bit) fertig kompiliert an.

Gerbera Media Server 1.9
UPnP-Streaming-Server
http://gerbera.io
An die Stelle des DLNA-Mediaservers Mediatomb ist das Projekt Gerbera getreten. In der aktuellen Version verbessert Gerbera die Kompatibilität mit Samsung-TVs und kann einzelnen Clients transcodierte Streams senden. Installation und Konfiguration erfolgen über das Terminal und Konfigurationsdateien. Eine neue Weboberfläche ist dann auf Port 49152 verfügbar. Gerbera ist bereits in den aktuellen Ubuntu- und Mint-Versionen verfügbar.

Handbrake 1.4.1
Videokonverter mit Stapelverarbeitung
https://handbrake.fr
Konvertierung ist wichtig, wenn Videos zu groß sind oder in unpassenden Formaten vorliegen. Handbrake liefert Voreinstellungen für Mobilgeräte (Android, iOS) sowie für Chromecast und Amazon Fire TV. Die neueste Version beschleunigt die Umcodierung auf Intel- und AMD-CPUs und schreibt Untertitel direkt in Videos. Handbrake gibt es für Ubuntu/Mint im PPA https://launchpad.net/~stebbins/+archive/ubuntu/handbrake-releases und als Flatpak.

Krita 5.0
Anspruchsvolles Illustrations- und Retuscheprogramm
https://krita.org
Großer Umbau bei Krita: Das Profi-Zeichenprogramm lädt nun alle Werkzeuge und Ressourcen über eine Sqlite-Datenbank und ist damit schneller am Start und stabiler im Betrieb. Es gibt einen neuen Editor für Farbverläufe und für Wischtechniken. Das Plug-in My Paint Brush für Pinselstile ist wieder zurück und der Animationseditor hat eine neue Oberfläche. Krita 5.0 liegt als universelles Appimage vor, in Ubuntu als Snap und für Linux Mint als Flatpak.

Libre Office 7.2
Office-Suite: Mehr als nur Bugfixes
http://de.libreoffice.org
In Libre Office 7.2 sind jetzt alle Menüfunktionen in allen Kompontenten über eine Suche unter „Hilfe, Befehle suchen“ abrufbar. In Calc gibt es Filter nach Zellenhintergrundfarbe, gefilterte Zellen sind jetzt blau nummeriert. Die Präsentation Impress hat einen ganzen Satz ansehnlicher Vorlagen bekommen, während alte Vorlagen entfernt wurden. Die Projekt-Webseite stellt DEB- sowie RPM-Pakete zur Installation bereit, und für Ubuntu gibt es ein Snap-Paket.

Opendocument Reader 3.10.4
Dokumentbetrachter für Android und iOS
https://opendocument.app
Diese App für Andoid- und Apple-Geräte öffnet Libre-Office-Dateien vom Typ ODT, ODS, ODP sowie ODG und kann einfache Dateien sogar editieren. Der Opendocument Reader kommt mit passwortgeschützen Dokumenten klar und hat eine Such- und Druckfunktion. Die App wird unabhängig von Libre Office entwickelt und ist werbefinanziert, arbeitet aber auch komplett offline. Eine Installation erfolgt über die App Stores von Apple, Google oder F-Droid.

Rport 0.2.3
Fernwartung mit SSH-Tunnel ins lokale Netz
https://oss.rport.io
Diese Software besteht aus einer Serverkomponente für Linux, zu der sich Linux, Windows oder Mac-OS mit dem passenden Client verbindet. Über den Server lassen sich verschlüsselte Tunnelverbindungen (SSH über HTTP) zur Fernwartung aufbauen, auch wenn die Clients hinter Firewalls sind. Möglich macht das ein Reverse-Tunnel-Konzept mit zentralem Verwaltungsserver, den man selbst hosten kann. Rport bietet aber auch Hosting als bezahlten Dienst.

Thrive 0.5.5
Simulationsspiel zur Evolution
https://revolutionarygamesstudio.com
Bei diesem freien Spiel (GNU GPL 3) stand das Simulationsspiel „Spore“ Pate: Es geht darum, aus einem primitiven Einzeller einen mehrzelligen Organismus zu züchten. Thrive ist zwischen Lehrprogramm und spielerischer Herausforderung angesiedelt. Im Laufe der Evolution müssen die Spieler die verfügbaren Ressourcen richtig verwenden, um in einer rauen Umgebung zu überleben. Thrive liegt als Appimage vor und verlangt einen Open-GL-fähigen Grafikchip.

Thunderbird 91
Mailclient mit Kalender und GPG
www.mozilla.org/de/thunderbird
Versionssprung von 78 auf 91: Die mittlerweile jährlich veröffentlichte Neuausgabe stellt den Programmcode auf eine Multiprozessorarchitektur um. An Äußerlichkeiten gibt es einen neuen Einrichtungsassistenten, einen internen PDF-Betrachter und ein klar aufgebautes Feld für Mailanhänge oder direktes Einfügen per Ziehen und Ablegen. Aufgrund der vielen Änderungen verlangt Thunderbird 91 eine Neuinstallation. Fertige Pakete liefert die Webseite.

Timeline 2.5
Visueller Zeitleisteneditor für Diagramme
http://thetimelineproj.sourceforge.net
Es ist mühsam, chronologische Abläufe ohne Vorlage in einem Zeichenprogramm zu erstellen. Hier hilft das Open-Source-Programm Timeline. Dieser grafische Editor stellt Ereignisse anhand eingegebener Daten auf einer zoombaren Zeitachse dar. Diagramme kann Timeline als SVG-Datei oder Bitmap exportieren. Die Oberfläche ist in Deutsch und auf https://timelinedeutsch.wordpress.com gibt es ein Handbuch. In Ubuntu liegt Timeline als Snap vor.

Yoshimi 2.1
Moduler Softwaresynthesizer mit MIDI-Schnittstelle
https://yoshimi.github.io
Der Synthesizer kombiniert drei Techniken der Klangerzeugung: additive und substraktive Synthese sowie Wavetables. Zur Klanggenerierung können bis zu 16 Methoden kombiniert und mit Effekten ausgestattet werden. Es gibt eine MIDI-Schnittstelle, die für geringe Latenz über Pulse-Audio oder Jack genutzt werden sollte. Eine Demo gibt es unter http://y2u.be/ifdOGFZkeT0, das PPA für Ubuntu unter https://launchpad.net/~ichthyo/+archive/ubuntu/music.


