Software | Stephan Lamprecht | 4/2025 | 30. Mai 2025

Neu: Gnome-Version 48

Mit Gnome 48 liegt die neueste Version der Arbeitsumgebung vor, die auch in die kommenden Releases bekannter Desktopdistributionen Einzug halten wird. Wir werfen einen Blick auf die Neuerungen.

Wellbeing protokolliert die Bildschirmzeit, liefert Hinweise und erinnert an fällige Pausen. Alles bleibt optional, ohne bevormundend zu sein.

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war das aktuelle Release von Gnome 48 erschienen. Wann Sie den neuen Desktop selbst einsetzen werden, hängt von Ihrer Linux-Distribution ab (siehe Kasten). Wundern Sie sich also nicht, falls Version 48 mit den nachfolgend beschriebenen Funktionen im aktuellen System noch nicht vorliegt.

Die neueste, bereits verfügbare Version von Ubuntu 25.04 wird mit Gnome 48 ausgeliefert. Auch Fedora Workstation wird umgehend Gnome 48 anbieten. Wenn Sie den Desktop einmal pur ausprobieren wollen, besuchen die Seite https://os.gnome.org/. Dort finden Sie eine ISO-Datei, die den Namen „Gnome OS“ trägt. Dieses „Betriebssystem“ ist letztlich aber nur ein Showcase für die Funktionen des Desktops. Eine reguläre Distribution, die Ihnen die Installation weiterer Software erlaubt, ist dies nicht. Sie ist nicht als Unterbau für ein Produktivsystem gedacht. Dafür erleben Sie aber den Desktop in der Form, wie ihn die Entwickler konzipiert haben.

Wohlbefinden mit „Digital Wellbeing“

Eine der umfangreichsten Neuerungen ist das neue Panel „Digital Wellbeing“ in den Systemeinstellungen. Dieses hilft Benutzern, die zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, gesündere Computergewohnheiten zu entwickeln. Anders als die klassischen Beschränkungen der Bildschirmzeit, wie sie Eltern vielleicht auf anderen Geräten verwenden, ist das Wellbeing unter Gnome nicht bevormundend. Die Funktion umfasst eine Bildschirmzeit-Verfolgung, die anzeigt, wie lange Sie täglich am Computer arbeiten. Damit können Sie Ihr aktuelles Nutzungsverhalten mit vergangenen Tagen oder Wochen vergleichen. Auch tägliche Bildschirmlimits können eingestellt werden. Wenn diese erreicht sind, erinnert Sie der Desktop mit einer Benachrichtigung daran. Pausen­erinnerungen sorgen dafür, dass Sie regelmäßig aufstehen, sich strecken oder den Blick vom Bildschirm abwenden.

Mehr Übersicht in den Nachrichten

Eine Überarbeitung hat die Benachrichtigungsleiste bekommen. Mitteilungen der gleichen App werden ab sofort in Stapeln gruppiert, wie dies auch bereits bei anderen Betriebssystemen der Fall ist. Das fällt angenehm auf, wenn Sie viele E-Mails oder Erinnerungen aus dem Kalender erhalten. Die einzelnen Benachrichtigungen bleiben weiterhin erhalten. Sie klappen bei Bedarf den Stapel auf, um sich dann die einzelnen Einträge anzusehen.

Verbesserungen bei Anwendungen

Anwendungsprogramme können nun systemweite Tastaturkürzel erstellen, die jederzeit verwendet werden können. Das ist nützlich, wenn Sie eine App steuern müssen, ohne sie aktiv im Fokus zu haben, beispielsweise bei Bildschirmaufnahmen. Diese Funktion ist nicht automatisch aktiviert. Apps müssen die Erlaubnis anfragen, und Sie können globale Tastaturkürzel für eine App jederzeit über die Einstellungen deaktivieren. 

Es gibt bei zahlreichen Apps Kleinigkeiten zu entdecken, deren Wert Sie erst bei längerer Alltagsnutzung erkennen werden. So finden Sie beim Anlegen eines Termins im Desktopkalender einen neuen Abschnitt, der das Umschalten zwischen der ganztägigen Belegung und einem Zeitabschnitt vereinfacht.

Kleines Detail: Im Kalender ist das Eintragen von Zeitabschnitten und ganztägigen Ereignissen besser unterteilt.

Unter der Haube haben sich beim Dateimanager Nautilus viele Verbesserungen ergeben. Dieser soll jetzt Verzeichnisse bis zu fünfmal schneller laden. Vermutlich nur durch Zufall oder durch Nachlesen der „Release Notes“ dürfte den meisten Anwendern eine Optimierung der Seitenleiste auffallen: Vielleicht kennen Sie das Phänomen – binden Sie Freigaben im Netzwerk ein, beispielsweise mehrere Ordner auf dem gleichen Server, sehen Sie in der Leiste lediglich den dann gleichlautenden Beginn des Namens. Der wird in Abhängigkeit vom zur Verfügung stehenden Platz abgekürzt. Mit Gnome 48 erfolgt die Abkürzung nun in der Mitte des Namens durch drei Punkte. Und wenn Sie mit der Maus darauf zeigen, blendet Nautilus den vollständigen Namen ein. Das ist unscheinbar, aber fein und praktisch. 

Neu ist auch ein sehr reduzierter und schlichter Audioplayer. Dessen interner Programmname lautet „Decibels“; auf deutscher Arbeitsfläche erscheint er als „Audio Player“. Ob die Linux-Distributionen Decibels als voreingestellten Standardplayer verwenden werden, muss sich erst zeigen. Ein optisches Gimmick ist die Audiowelle im Hintergrund des Programmfensters, die sich passend zum abgespielten Titel bewegt. 

Der interne Bildbetrachter hat sich von der Vorschau der Mac-Oberfläche inspirieren lassen. Die Software erlaubt nicht mehr nur die Ansicht von Bildmaterial, sondern verfügt über ein paar wesentliche Funktionen zur Bildbearbeitung, die etwa das Aus- und Beschneiden ohne zusätzliche Software ermöglichen.

Der Gnome-Editor ist ein weiteres Beispiel für die zahlreichen Detailverbesserungen. Ein Dialog fasst jetzt alle Informationen zusammen.

Schonender den Akku aufladen

Eine Funktion, die nicht zwangsläufig auf Ihrer Arbeitsfläche erscheinen wird und dies auch nur dann macht, wenn die Hardware dies unterstützt, betrifft den Bereich Energie. Hier gibt es nun für Notebooks die Option, den Akku unter Berücksichtigung der „Battery Health“ aufzuladen. Das meint im Klartext, dass der Akku nur noch bis 80 Prozent geladen wird, wenn das Gerät eingesteckt bleibt. Das schon bekanntlich den Akku, weil permanentes Laden bis 100 Prozent Akkus verschleißt und ihre Lebensdauer reduziert. Sichtbar wird die Option nur, wenn Gnome auf einem Notebook läuft, das optimiertes Laden auf Hardwareebene unterstützt. 

Übrigens: Deaktivieren Sie den automatischen Ruhezustand des Geräts, dann zeigt Gnome einen kurzen Haftungsausschluss an, um der EU-Vorschrift zu entsprechen, die fordert, die Nutzerinnen und Nutzer vor höherem Energieverbrauch zu warnen.

HDR-Unterstützung

Für Nutzer mit passender Hardware bietet Gnome 48 nun HDR-Unterstützung (High Dynamic Range für Bilder und Videos). Diese kann in den Einstellungen unter „Anzeige, HDR“ aktiviert werden. Sobald die Funktion eingeschaltet ist, können Linux-Anwendungen mit HDR-Unterstützung korrekt ausgegeben werden. Bei aktiviertem HDR wird die Bildschirmhelligkeit nicht mehr über die Hardware angepasst, stattdessen wird ein softwarebasierter Helligkeitsregler angeboten.

Zentrierte Fenster und neue Schriftarten

In Gnome 48 erscheinen neue Fenster standardmäßig in der Mitte des Bildschirms. Dieses Verhalten musste bisher über Gnome Tweaks aktiviert werden. Bei einem puren Gnome fällt auch der Wechsel der Schriftart auf. „Adwaita Sans“ ist der neue Standardfont auf der Oberfläche. Die Entwickler versprechen sich davon bessere Lesbarkeit auf hochauflösenden Bildschirmen. Für die Nutzerinnen und Nutzer von Ubuntu wird sich dies aber nicht bemerkbar machen, weil Ubuntu auf der Oberfläche sein eigenes Set an Schriftarten nutzt.

Unterm Strich bringt der neue Gnome-Desktop eine ganze Reihe von Verbesserungen. Version 48 ist keine Revolution, was angesichts der langen Entwicklungsgeschichte auch nicht zu erwarten war. Es ist Feinschliff der bewährten Basis.