Nach rund 16 Jahren Entwicklungszeit erreicht das Zeichenprogramm Inkscape mit der Versionsnummer 1.0 einen Meilenstein. Wir stellen die wichtigsten Neuerungen vor.
Wer Anfang des Jahrhunderts auf der Suche nach einem Vektorzeichenprogramm war, hatte nicht viel Auswahl. Mit Illustrator und Freehand gab es zwei kommerzielle Programme, die um die Vormachtstellung im Profibereich rangen. Das Programm Sodipodi nahm die Herausforderung an, eine Open-Source-Alternative zu bieten. Nach Zwistigkeiten über die weitere Ausrichtung der Entwicklung entstand Inkscape als Fork von Sodipodi. Erst jetzt erreicht Inkscape die magische Schwelle der Version 1.0. Der Versionssprung von zuletzt 0.92 leistet keine revolutionäre Neugestaltung, aber bemerkenswerte Detailverbesserungen.
Container für Linux und native Mac-Version
Mac-Anwender, die den beeindruckenden Funktionsumfang des kostenlosen Programms nutzen wollten, mussten bisher den eher beschwerlichen Weg der Installation über den Fenstermanagers XQuartz gehen (ehemals X11). Der wird von Apple bereits seit einiger Zeit nicht mehr aktiv genutzt und auch nicht mehr weiterentwickelt. Erstmals gibt es mit Version 1.0 eine offizielle Installationsdatei für Mac-OS. Der veraltete Unterbau ist nicht mehr notwendig. Windows-Anwender finden auf der Seite https://inkscape.org/de/release/1.0/platforms installierbare Dateien für 32 und 64 Bit.
Die offiziellen Paketquellen unter Ubuntu/Mint liefern noch die ältere Version 0.92 aus. Die neue Version ist aber über das Softwarecenter in den Containerformaten Snap (Standard unter Ubuntu) und Flatpak (Standard unter Mint) verfügbar. Die derzeit schlankste Installationsalternative ist mit knapp 100 MB ein Appimage, das über die oben genannte Projektseite verlinkt ist.
Neue und praktische Funktionen
Gleich zwei neue Ansichten erleichtern die Arbeit mit komplexen Zeichnungen. Selbst bei planvoller Anlage einer Zeichnung bleibt es nicht aus, dass es mit fortdauernder Arbeit zunehmend schwieriger wird, den Pfad oder Punkt zu erwischen, der eigentlich bearbeitet werden muss. Ab jetzt kommen gleich zwei Werkzeuge zur Hilfe. Mit der geteilten Ansicht („Ansicht –› Geteilte Ansicht“) teilen Sie die Zeichenfläche horizontal oder vertikal auf. Dabei kann die Trennlinie mit der Maus einfach verschoben werden. In der einen Hälfte verbleibt die Zeichnung im Original, während auf der anderen Hälfte lediglich die Umrisse und Pfade erkennbar sind. So können Sie gezielt zum Bereich navigieren, den Sie bearbeiten wollen. Ebenfalls unter „Ansicht“ erreichen Sie den „Röntgenmodus“. Dieser funktioniert ähnlich wie die geteilte Ansicht. Die Umrisse werden allerdings in einem runden Bereich sichtbar, der wie bei einer Lupe der Bewegung mit der Maus folgt. Die beiden Werkzeuge bleiben so lange aktiv, bis sie wieder über das gleiche Kommando beendet werden.

Live-Effekte: Überarbeitet wurde der gesamte Bereich der Live-Effekte („Live Path Effects“). Diese werden über einen eigenen Dialog zusammengefasst, der durchsuchbar ist. Mit einem Mausklick lassen sich dort auch experimentelle Effekte aktivieren. Für das Anlegen von Konstruktions- und Explosionszeichnungen ist etwa die „gestrichelte Kontur” (Dashed Stroke) sehr praktisch. Durch einfaches Markieren des Pfades und Auswahl des Effekts nehmen Sie Einfluss auf die Zahl der Segmente, aus denen sich die gestrichelte Linie zusammensetzen soll. Für solche Zeichnungen ist auch der Effekt „Bemaßungen“ nützlich, der automatisch die Segmente eines Pfads mit den passenden DIN-Beschriftungen versieht. Und mittels „Ecken (Abrunden)“ erzeugen Sie im Handumdrehen aus rohen Linien organische Formen.

Interaktive Entwürfe: Wer Inkscape für die Gestaltung von Webseiten oder Programmoberflächen einsetzt, sollte sich die neue Erweiterung „Interaktiver Entwurf” (Interactive Mockups) ansehen, die Sie im Menü „Erweiterungen –› Internet” aufrufen. Das Werkzeug erwartet von Ihnen, dass zwei Objekte auf der Arbeitsfläche markiert werden: Beispielsweise die Auswahl eines Menüpunkts und die Skizze einer Zielseite oder eine Schaltfläche und der Entwurf eines Warenkorbs. Das zuletzt markierte Objekt ist das Ziel der Interaktion. Rufen Sie nach dem Markieren die Erweiterung auf und wählen Sie aus dem Listenfeld, welches Ereignis die Animation auslösen soll. Klicken Sie danach auf „Anwenden”. Jetzt speichern Sie den Entwurf als SVG-Datei, die Sie anschließend mit einem Browser öffnen. Haben Sie als Ereignis den Klick mit der Maus gewählt, wechselt die Darstellung im Browser unmittelbar, wenn Sie klicken.

Verbesserungen an Werkzeugen: Daneben warten zahlreiche kleinere Detailverbesserungen auf den Nutzer. Bei Geräten, die das Feature unterstützen (Trackpads oder Touchscreens), kann mit der bekannten Zwei-Finger-Geste die Ansicht auf die Zeichenfläche stufenlos verändert werden („Pinch to Zoom”). Praktisch in diesem Zusammenhang ist auch die neue Funktion, die Zeichnung auf der Arbeitsfläche zu zentrieren. Dazu muss jetzt nicht mehr umständlich der Maßstab verändert werden: Es genügt das Kommando „Seite zentrieren”, das Sie über die Befehle zum Zoomen im Menü „Ansicht” oder der Werkzeugleiste erreichen.
Zu den eher unscheinbaren Details, die sich im Alltag aber als sinnvoll erweisen, gehört die Neuordnung der Werkzeuge in der Leiste. Diese sind jetzt nach Kategorien geordnet – zunächst die Tools für die Bearbeitung, dann geometrische Formen, die Anlage von Objekten mittels Pfaden, Farbbearbeitung und schließlich Werkzeuge rund um die Zeichenfläche.
Optimierter Profiexport: Auch bei der Weiterverarbeitung von Zeichnungen gibt es Neuerungen. Wurden in der Datei externe Links gesetzt, werden diese jetzt auch beim Export in das PDF-Format übernommen. Außerdem gibt Inkscape eine Reihe von Metadaten der Zeichnungen auch an das PDF weiter, beispielsweise Titel, Bearbeiter, Keywords.
Stark verbessert wurde auch der Export in das populäre PNG-Bildformat. Die neuen Optionen befinden sich im Bereich „Erweitert“ des Exports. Die Stärke der Kompression kann hier feiner justiert werden, zusätzlich erhält der Benutzer neue Möglichkeiten, auf das Anti-Aliasing Einfluss zu nehmen.
Umsteiger aufgepasst!
Inkscape ist ein mächtiges Zeichenprogramm, das trotz der Fülle an Funktionen gut zu bedienen ist. Mit der neuen Version ist die Software eindeutig besser geworden. Das Update lohnt sich für alle Anwender, sofern sie nicht auf bestimmte Erweiterung angewiesen sind.
Denn Achtung! Die Entwickler migrieren die Schnittstelle für Programmerweiterungen auf Python 3. Zum Bundle der Windows-Version gehört bereits nur noch diese Version. Das bedeutet, dass ältere Erweiterungen möglicherweise nicht mehr funktionieren. Die Entwickler der Erweiterungen sind derzeit dazu aufgerufen, ihre Ink-
scape-Tools zu aktualisieren.

