Mit Icefun gibt es eine neue Linux-Distribution, die laut eigenen Angaben optimal auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten ist. Lesen Sie hier, ob sich die Installation für Ihren Nachwuchs lohnt.
Das Projekt Icefun von Lioh Möller hat sich als Ziel gesetzt, eine Software- und Spielesammlung für Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren zu schaffen – ein aus unserer Sicht recht anspruchsvolles Ziel mit breiter Zielgruppe. Bekanntlich unterscheiden sich die Interessen der verschiedenen Altersgruppen doch erheblich. Das Projekt basiert auf Debian 12 „Bookworm“ und läuft damit problemlos auf älterer Hardware.
Installation und Konfiguration
Lioh Möller bietet auf ihrer Homepage Spacefun (https://www.spacefun.ch/) verschiedene Linux-Distributionen zum Download an. Das Hauptprojekt ist Spacefun, Icefun der Ableger für die jüngste Zielgruppe. Auf der Downloadseite finden Sie eine 32- und 64-Bit-Version, wobei es eine Rolling Release und eine „Stable“-Version gibt. Wir empfehlen die stabile 64-Bit-Version (circa 3,5 GB). Das Livesystem eignet sich zum ersten Ausprobieren, für längeren Einsatz eher nicht, weil sich die englischsprachige Oberfläche nicht umstellen lässt.
Die Installation auf Festplatte übernimmt der Calamares-Installer, der am einfachsten mit dem Desktoplink „Install Debian“ gestartet wird. Die Einrichtung folgt den üblichen Linux-Standards und danach steht ein deutschsprachiges Debian zur Verfügung. Angesichts des einfachen Windowmanagers Ice WM und der Debian-Basis fallen manche Systemanpassungen recht spartanisch aus und verlangen zumindest vom Betreuer der Distribution etwas Linux-Erfahrung. So ist etwa für die Einstellung der optimalen Bildschirmauflösung das einfache Arandr zuständig (unter „Einstellungen“), für das Ändern des Desktophintergrunds das Tool Nitrogen (unter „Zubehör“).
Wer Software nachinstallieren will, ist entweder auf apt im Terminal oder auf die Paketverwaltung Synaptic angewiesen. Das ist nicht unbedingt kindgerecht, aber es muss ja kein Schaden sein, wenn Systemanpassungen vom erwachsenen Systembetreuer ausgeführt werden müssen.

Software für Kinder
Auf dem Desktop des installierten Systems gibt es Verknüpfungen zum Dateimanager Thunar und zum Webbrowser Falcon. Dieser bringt einige nützliche Erweiterungen mit, wie etwa Duckduckgo als voreingestellte Suche oder Adblocker zum Ausblenden von Werbung. Als drittes Desktopsymbol findet sich das Programm Gcompris. Dabei handelt es sich um eine freie Lernsoftware, die primär für Schulen entwickelt wurde und unter der freien GNU-Lizenz GPLv3 zur Verfügung gestellt wird. Das ist ein grafisch hübscher, lehrreicher und unterhaltsamer Kosmos mit zahlreichen Zahlenspielen, Puzzles, Schätzaufgaben, logischen Rätseln. Zielgruppe sind Vorschul- und Grundschulkinder.
Das Hauptmenü präsentiert unter „Bildung“, „Entwicklung“ und „Spiele“ zahlreiche Angebote, die sich für verschiedene Altersgruppen eignen. Es gibt Anwendungen zum Maschinenschreiben und mit Scratch und Etoys einfache Programmierumgebungen. Gambas ist eine objektorientierte Basic-Variante und bietet eine integrierte Entwicklungsumgebung (IDE). Geany ist ein Texteditor, der gerne von Entwicklern verwendet wird, da er Funktionen einer IDE mitbringt. Squeak ist ebenfalls eine IDE und basiert auf der Programmiersprache Smalltalk. Es hat den Weg in die Sammlung gefunden, da man damit Computersimulationen erstellen und durchführen kann. Unter „Bildung“ findet sich der Piano Booster, mit dem Kinder Noten und Klavierspielen lernen. Mit Tux Math gibt es einfache Rechenaufgaben und Tux Paint eignet sich zum Zeichnen. Auch die visuelle Programmiersprache Scratch hat hier ihren verdienten Platz-
Am umfangreichsten ist das Menü „Spiele“, das mit dem Puzzle-Spiel „2048“ startet und bei „xsnow“, einer Art Bildschirmschoner, endet. In dieser Rubrik finden Sie insgesamt rund 50 Programme, wobei dort auch Klassiker wie Vier gewinnt, Mühle, Schach oder anspruchslosere Actionspiele wie Tux Racer dabei sind. Je nach Interesse stecken hier mit Sicherheit einige Stunden Spielspaß, ganz große Aufreger sind allerdings nicht dabei.
Die Kategorie „Büro“ wird Kinder kaum interessieren: Hier sind nur typische Kandidaten wie Abiword und Focus Writer als Textverarbeitungen, ein weiterer Editor Retext, die Tabellenkalkulation Gnumeric und das Lexikon Ding enthalten. Für handschriftliche Notizen bietet sich Xournal an, wobei dies ein 2-in-1-Gerät mit Stifteingabe voraussetzt. Abgerundet wird dieser Themenbereich durch den E-Book-Reader Fbreader sowie den PDF-Viewer Qpdfview.
Die Rubrik „Grafik“ bietet solide Software, allerdings ohne ersichtlichen Fokus auf die Zielgruppe: Unter den neun Anwendungen sind die Grafikbearbeitung Gimp und die Vektorgrafiksoftware Inkscape die bekanntesten Vertreter. Hinzu kommen noch ein paar einfachere Grafikprogramme und Bildbetrachter.
Für den „Multimedia“-Bereich gilt Ähnliches: Audacious und Mpv sind Audioplayer, Gpodder ein Player für Podcasts, Youplay und der Youtube Downloader sind für die Nutzer des Videoportals gedacht. Ergänzt wird diese Rubrik um die Brennsoftware Brasero, die Digital Audio Workstation LMMS sowie einen Lautstärkeregler und einen MIDI-Sequenzer. Der Titel des Menüs „Netzwerk“ ist ein wenig irreführend, denn Sie finden dort eher Programme rund um das Thema Internet. Abgesehen vom Browser Falcon hat die Sammlung keinerlei Fokussierung auf die Zielgruppe: Enthalten sind der Mailclient Evolution, ein Bittorrent-Client (Deluge), der Chatclient Pidgin sowie ein Telegram-Desktopclient.

Noch ein Linux für Kids?
Es gibt seit Jahren Linux-Distributionen, welche Kinder und Jugendliche als Zielpublikum und die mitgelieferten Softwarepakete darauf abgestimmt haben. Allen voran sind an dieser Stelle Edubuntu, Doudou Linux oder auch „Sugar on a Stick“ zu nennen. Icefun kann sich in der jetzigen Phase in Bezug auf Aussehen, Handhabung oder die mitgelieferte Software nicht wirklich von diesen älteren Kandidaten absetzen. Vom Ziel, eine Gruppe von Kindern im Alter von vier bis 14 Jahren abzudecken, ist die Lösung sicherlich noch einen guten Schritt entfernt. An dieser Stelle sind die Konkurrenten bereits weiter fortgeschritten.
Die Zuordnung der Anwendungen zu den Rubriken erscheint an der einen oder anderen Stelle ein wenig willkürlich und die Auswahl der Programme passt nicht immer zur Zielgruppe. Falls Sie aber für Ihren Nachwuchs ganz bestimmte Programme im Fokus haben und diese in Icefun enthalten sind, finden Sie mit dieser Distribution eine stabile Debian-Lösung, die nach der Ersteinrichtung einfach zu bedienen ist.

