Grundlagen | David Wolski | 6/2021 | 24. September 2021

Geschichte der Linux-Distributionen

Der Linux-Kernel ist erst mal nur genau das: Ein Betriebssystemkern. Compiler, Tools und Programme machen dann daraus ein benutzbares System – eine Distribution. Dies ist ein Blick auf die lange Geschichte der Linux-Distributionen, der von der Heft-DVD mit einem interaktiven Stammbaum begleitet wird.

Geschichte der Distributionen auf der Heft-DVD: Das Diagramm stellt die Entwicklung und Verbindungen der Linux-Distributionen von 1991 bis 2021 dar. Die Maus dient zum Zoomen und Verschieben.

Der Linux-Kernel ist erst mal nur genau das: Ein Betriebssystemkern. Compiler, Tools und Programme machen dann daraus ein benutzbares System – eine Distribution. Dies ist ein Blick auf die lange Geschichte der Linux-Distributionen, der von der Heft-DVD mit einem interaktiven Stammbaum begleitet wird.

Wenn wir von „Linux“ sprechen, dann ist meist von einem kompletten installierbaren Linux-System mit Programmen und Paketmanager die Rede. Eigentlich ist Linux aber nur der Kernel mit seinen wachsenden Subsystemen und einer Entwicklergemeinde von hoch bezahlten Experten bis zu genialen Tüftlern. Wenn es um Linux als Betriebssystem auf dem PC geht, dann waren aber Distributionen immer schon der entscheidende Faktor, ob sich Anwender für dieses System und somit für Linux entscheiden. Der folgende Beitrag stellt die wichtigen Stationen in der Entwicklung der Linux-Distributionen vor.

Auf DVD: Interaktiver Linux-Stammbaum

Selbst ein stark vereinfachter Stammbaum der Linux-Distributionen ließe sich kaum in akzeptabler Form im Heft abdrucken. Auch als Grafik in einem typischen Pixelformat ist die Flut der Stämme und Unterdistributionen schwer zu bändigen. Deshalb bieten wir einen detaillierten Linux-Stammbaum mit Zeitachse auf der HTML-Oberfläche der Heft-DVD, den Sie über den Menüpunkt „Geschichte der Distributionen“ erreichen. Die interaktive Grafik ist in Javascript realisiert und verlangt keine Internetverbindung.

Aushängeschild: Installierbare Systeme

Auch wenn der Aufbau der Linux-Systeme ähnlich ist, so zeigen deren Charakteristika wegen unterschiedlicher Zielgruppen erhebliche Unterschiede: Wo gibt es verständliche Dokumentation, zugängliche Hilfe, clevere Tools und ausreichenden Support, eventuell sogar mit Verträgen? Wird meine Hardware ohne Qual der Treibersuche und ohne selbst kompilierte Module unterstützt?

Und schließlich haben auch die Aufmachung des Desktops und der Installationsprozess einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg einer Distribution. Das sind genau die Fragen, die schließlich entscheiden, ob Linux auf dem eigenen Computer kommt oder doch besser als Server- oder Embedded-System im Hintergrund bleibt.

Das Magazin LinuxWelt betrachtet Linux-Distributionen seit 2004 aus Anwender-Perspektive. Vor 17 Jahren galt Suse Linux wegen seines grafischen Installationsprozesses als besonders einsteigerfreundlich und war für viele Anwender der erste Schritt zu Linux. Die Einrichtung der ersten Linux-Distributionen war jedoch noch weitaus abenteuerlicher als heute.

MCC Interim Linux: Als erste komplette Distribution kann dieses System von 1991 mit technisch anmutenden Namen gelten, das einen menügesteuerten Installer im Textmodus lieferte. Dieses Linux-System war schon mit den GNU-Tools, dem Bash-Befehlsinterpreter und natürlich GCC zum Kompilieren von Programmen ausgestattet. Denn einen Paketmanager gab es noch nicht – wer bestimmte Software wollte, musste das benötigte Programm aus dem Quellcode bauen.

Yggdrasil: Mit dieser Distribution hatten Linux-Livesysteme ihre Premiere. Yggdrasil, das von 1992 bis 1995 bestand, war ein bootfähiges Livesystem für CDs und konfigurierte während des Bootvorgangs schon erkannte Hardware mit Scripts, sofern es dafür Treiber gab.

Slackware: Die älteste heute noch aktive Linux-Distribution erschien 1992 auf 24 Disketten (3,5 Zoll) und hatte schon einen primitiven Paketmanager. Auch der ursprüngliche Entwickler, Patrick Volkerding, ist heute noch mit an Bord und bereitet derzeit die Ausgabe 15 vor. Slackware ist ein Nischensystem geblieben, aber beispielsweise auch die Basis für das LinuxWelt-Surfsystem, da sich damit besonders kompakte Distributionen bauen lassen.

Suse Linux: Der grafische Installer und das Konfigurationstool „SaX“ für die Einrichtung der Grafikkarte machte Suse Linux bis zum Erscheinen von Ubuntu zum einsteigerfreundlichsten Linux-System. Suse Linux erschien 1994, damals noch als Abspaltung von Slackware, übernahm aber in späteren Versionen Komponenten von anderen Systemen wie etwa den RPM-Paketmanager von Red Hat.

Suse Linux 5.1: Die hier abgebildete Ausgabe von 1997 lieferte schon das grafische Konfigurationswerkzeug Yast mit, das auch weniger versierten Anwendern die Einrichtung von Serverdiensten erlaubte.

Debian: 1995 wurde das erste Debian fertig, nach längerer Vorbereitung von 60 Entwicklern. Es führte das robuste Paketformat DEB ein, welches Anwendern ohne Programmierkenntnisse die Softwareinstallation erleichterte. Heute ist Debian die Distribution mit der größten selbst verwalteten Entwicklergemeinde und das technische Vorbild für eine ganze Gruppe von anderen Distributionen, unter anderem auch für Ubuntu.

Knoppix: Viele Anwender, gerade in Deutschland, machten zuerst über das Livesystem Knoppix Bekanntschaft mit Linux. Ein Meilenstein war die Selbstkonfiguration des Systems mit Boot-Scripts. Auch dessen Macher, Klaus Knopper, ist dem Projekt treu geblieben und veröffentlicht weiterhin umfangreiche Knoppix-Ausgaben auf DVD-Größe.

Knoppix 3.7: Dieser Livesystem-Klassiker war für viele Anwender der erste Kontakt mit Linux, da es einen voll ausgestatteten Linux-Desktop und eine Menge Software ohne Installation lieferte.

Red Hat: 1995 war auch die Geburtsstunde von Red Hat Linux, das mit dem eigenen Paketformat RPM aufwartete und sich schnell als Serverdistribution einen Namen machte. Der kommerzielle Erfolg brachte 2003 die Aufteilung in die Zweige RHEL und Fedora Core, ein Entwicklungs- und Vermarktungsmodell, das auch Suse übernahm.

Ubuntu: Eher spät, 2004, erschien die erste Ausgabe Ubuntus, das sich auf der Basis von Debian Linux als Desktopsystem etablierte. Der Gründer des Projekts, der IT-Milliardär Mark Shuttleworth, hatte nicht weniger vor, als Microsoft Windows zu verdrängen. Von Ubuntu und dessen Entwicklungsfirma Canonical kamen deshalb mit die wichtigsten Impulse in Sachen Benutzerfreundlichkeit. Es dürfte heute – die Derivate wie Linux Mint eingeschlossen – das verbreitetste Desktop-Linux sein. Dennoch verdient Canonical bisher nur Geld mit den Cloud- und Serverversionen Ubuntus.

Arch Linux und Manjaro: Wem heute die benutzerfreundlichen Linux-Systeme zu starr und unflexibel in ihrer Konfiguration und Softwareausstattung sind, findet bei Arch Linux und der Abspaltung Manjaro wieder einige der Herausforderungen der ersten Stunde.

In einem puren Arch-System erfolgt die Installation per Kommandozeile. Der Lohn der Mühe ist ein besonders flottes, schlankes und spezialisiertes Linux-System – ein Konzept, das heute wieder erstaunlich viele Freunde findet.

Linux-Systeme: Wohin geht die Reise?

Trotz aller Fortschritte ist Linux auf dem Desktop kein Betriebssystem für die Massen geworden. Der Open-Source-Gemeinde und den Linux-Entwicklern bereitet dies offensichtlich wenig Kopfzerbrechen. Denn allein durch die Präsenz auf Servern ist die Weiterentwicklung der wichtigen Linux-Distributionen gesichert.

Nach dem Erscheinen von Windows 11 wird das spätere Supportende für Windows 10 wieder einige Desktopanwender zum Umstieg bewegen, aber vermutlich keinen größeren Trend auslösen. Linux bleibt das das Betriebssystem für Server und Spezialanwendungen.

Auch die am Desktop tonangebenden Systeme wie Debian, Ubuntu und Fedora gewinnen zunehmend Merkmale hinzu, die für Server-, Cloud- und Containerinstanzen wichtig sind. Dabei geht es darum, (zukünftigen) Administratoren und Entwicklern jene Tools in die Hand zu geben, die in der produktiv eingesetzten IT-Infrastruktur wichtig sind.