Linux Mint 22.2
Der Herbst bringt eine neue Ausgabe von Linux Mint (mit Cinnamon-Desktop auf Heft-DVD), das seine Basis auf den Stand von Ubuntu 24.04.3 bringt. Neu ist in allen Varianten die Möglichkeit zur Anmeldung per Fingerabdruckleser.
Während Innereien wie der von Ubuntu LTS übernommene Kernel und Treibermodule ein willkommenes Update sind, liegt der Desktop Cinnamon der Hauptversion in Version 6.4.10 vor. Das ist kein deutlicher Versionssprung. Immerhin liefert Cinnamon jetzt eine eigene Grafikbibliothek mit zur Darstellung der Gnome-Programme. Diese stammt von Gnome „Libadwaita“ ab, wird nun vom Mint-Team als eigener Fork gepflegt und macht das Aussehen neuerer Gnome-Programme mit dem Toolkit GTK4 kompatibel zu Cinnamon. Bislang liefert Cinnamon die meisten seiner Gnome-Programme in einer älteren Version mit GTK3, doch sind nun Aktualisierungen und vereinzelte Sicherheitspatches notwendig. Von Seiten des Gnome-Desktops machen es die neueren Gnome-Programme schwer, sie mit einem individuellen Aussehen in andere Arbeitsumgebungen einzubetten, denn eigene Themes sind dann nicht mehr vorgesehen.
Auch andere Desktops, die auf Gnome aufbauen, etwa Budgie und Pop-OS, kennen das Dilemma. Pop-OS warf gleich das gesamte Gnome-Gerüst über Bord und arbeitet an einem komplett neuem Desktop. Dieser Weg wäre für Mint zu aufwendig. Stattdessen löst Linux das Problem mit einer eigenen Abspaltung der verantwortlichen Gnome-Bibliothek. In Cinnamon 6.4.10 sind der Gnome-Calendar, die Scanneranwendung Simplescan und die Datenträgeranalyse Baobab schon auf dem neuen GTK4-Stand. Weitere Gnome-Anwendungen sollen nun folgen.
Gnome-Bibliotheken: Mint muss mithalten
Es ist nicht das erste Mal, dass Linux Mint auf eigene Forks setzt. Der Gnome-Dateimanager (Nautilus) wurde den Mint-Machern zu schlicht und ist seit Jahren durch die Abspaltung Nemo ersetzt. Und zur letzten Mint-Ausgabe ersetzte die Distribution Teile des Debian-Paketmanagers apt durch eigene Entwicklungen, denn die von Gnome bereitgestellte Komponente Packagekit war schon länger nicht mehr für Cinnamon geeignet. Der Mint-eigene Desktop entwickelt sich damit zunehmend zu einem eigenen Projekt, macht aber die Entwicklung neuer Mint-Versionen ein gutes Stück aufwendiger, denn die Forks brauchen Pflege. Der Mehraufwand war nun schon bei Linux 22.2 zu spüren, das mit einiger Verzögerung erschien, nun aber weiterhin eine Arbeitsumgebung auf den Bildschirm bringt, die auch mit GTK4-Programmen aus einem Guss wirkt.
Authentifizierung per Fingerzeig
Ein Neuzugang unter den Mint-Programmen ist ein grafische Oberfläche zur Einrichtung eines Fingerabdrucksensors, falls ein Notebook diesen anbietet. Das Programm Fingwit übernimmt das Aktivieren und Einlesen von Fingerabdrücken zur Authentifizierung. Diese steht für die Benutzeranmeldung zur Verfügung, für sudo in der Kommandozeile und für grafische administrative Tools, die das sudo-Passwort abfragen. Das Rad musste Mint dafür nicht neu erfinden, denn dahinter arbeitet wie in anderen Linux-Distributionen der Dienst Fprintd. Allerdings gibt es in Linux Mint Modifikationen, denn die Authentifizierung per Sensor steht nicht in allen Situationen zur Verfügung: Ist die Home-Verschlüsselung für ein Benutzerkonto aktiviert, so gelingt die Anmeldung generell nur per Passwort.

Bei unserem Test mit Linux Mint 22.2 und dem Fingerabdrucksensor eines Lenovo Thinkpad waren Fingerabdrücke zwar hinterlegt, doch in der Praxis gab es zu viele Fehlschläge bei der Authentifizierung. Das neue Feature wird also erst beim Anwender und mit nachgelieferten Aktualisierungen alltagstauglich reifen.
Neuer Kernel, neue Treiber
Wer Linux Mint 22.x schon auf dem Rechner hat, braucht das aufgefrischte Installationsmedium auf Heft-DVD nicht – das dient nur für eine Neuinstallation. Die Neuerungen kamen dann bereits ganz regulär über die Aktualisierungsverwaltung in Form der üblichen Paketupdates. Wie immer nach einem späten Point Release wie Ubuntu 24.04.3 LTS gibt es einen frischen Kernel 6.14 samt Treibern sowie Mesa 25 mit besserer Unterstützung für neuere Nvidia-Grafikkarten von Nvidia und für Vulkan 1.4. Diese Upgrades sind bei bereits installierten Mint-Systemen optional und verlangen die manuelle Installation über die „Aktualisierungsverwaltung“.
Installation: Besser per USB-Stick
Von Heft-DVD bootet Linux Mint 22.2 als installierbares Livesystem. Je nach optischem Laufwerk aber eher zäh, denn das Installationsmedium umfasst mehr als 2,8 GB. Für eine Installation ist also Geduld gefragt und sie dauerte in unseren Tests vor der Freigabe der Heft-DVD ins Presswerk gut 40 Minuten. Das muss nicht sein: Im DVD-Verzeichnis „Image-Dateien“ findet sich Linux Mint 22.2 als ISO-Datei auch für USB-Sticks. Es empfiehlt sich, dieses Image auf einen USB-Stick zu übertragen und das Zielsystem damit zu booten. Das funktioniert schon seit Linux Mint 21.3 auch mit aktiviertem Secure Boot.
Der Installer ist weiterhin das herkömmliche Ubuntu-Programm Ubiquity, nicht die neue, von Ubuntu 24.04 eingeführte Variante. Die Möglichkeit, das Dateisystem ZFS auf Systempartitionen zu verwenden, wurde in Linux Mint zu Recht entfernt, weil dieses Feature für Desktopanwender kaum relevant ist. Andererseits bleibt die Option zur Verschlüsselung des Home-Verzeichnisses per Ecrypt FS weiterhin vorhanden.
Debian-Version und weitere Desktops
Der Cinnamon-Desktop hat mit Komponenten von Gnome eine bewährte und intuitive Benutzerführung weitergepflegt, ohne dabei Anwendern mit neuen GUI-Konzepten auf den Nerv zu gehen. Dieses Projekt der Mint-Macher hat sich als Tugend erwiesen, denn Cinnamon hat über Linux Mint hinaus viele Freunde gefunden. Inzwischen gibt es auch Debian, Fedora Linux und sogar Ubuntu in offiziellen Cinnamon-Varianten. Linux Mint hat aber noch mehr zu bieten als den hauseigenen Cinnamon-Desktop. Weitere Editionen mit Mate- und XFCE-Desktop sind im Angebot, nicht zuletzt auch eine ganz aktuelle Debian-Variante, welche die Mint-Entwickler aus Gründen der Ubuntu-Unabhängigkeit pflegen.
Linux Mint Mate: In Sachen Ressourcenbedarf schaltet diese Arbeitsumgebung mit Mate 1.26 gegenüber Cinnamon einen Gang zurück. Der RAM-Bedarf liegt etwa 150 MB unter jenem von Cinnamon und die Darstellung braucht keine GPU. Mit dem Dateimanager Caja ist Mate aber ähnlich komfortabel in der Bedienung.

Linux Mint XFCE: Schlichter geht es in dieser Variante zu, die mit XFCE 4.18 arbeitet. Das Aussehen des einfacheren Desktops, der nochmal rund 100 MB weniger Speicher verlangt als Mate, ist aber den anderen Mint-Versionen nachempfunden. Es ist die beste Wahl für ältere Rechner.
LMDE 7: Debian 13 ist gerade erschienen und eine Alternative zum oft eigensinnigen Ubuntu mit seinen Snap-Paketen und Sonderwegen wie Netplan.io zur Netzwerkkonfiguration. Diese Eigenheiten gleicht das Mint-Team wieder aus, um desktopaffine Linux-Distributionen ohne zu starke Abhängigkeit von Canonical abzuliefern. Daher wird auch eine auf Debian basierte Mint-Ausgabe seit Jahren mitgepflegt. Die kommende Linux Mint Debian Edition 7 (LMDE 7) bekommt aber mehr Aufmerksamkeit, denn Debian 13 ist gerade brandaktuell und damit attraktiv als Linux-Basis. Zum Redaktionsschluss gab es noch keine Beta zu LMDE 7, aber im Blog der Mint-Entwickler (https://blog.linuxmint.com/?p=4860) bereits die Ankündigung dieser Version, der nun alle Aufmerksamkeit gilt.
Mehr Infos zu Linux Mint
Website: www.linuxmint.com
Dokumentation: www.linuxmint.com/documentation.php
Q4-OS 6.0 (64 Bit)
Die charmante Linux-Distribution aus Deutschland kombiniert ein aktuelles Debian 13 „Trixie“ mit dem ansehnlichen Desktop KDE Plasma.

Es handelt sich aber um kein gewöhnliches Debian, denn die Entwickler sprechen mit der Aufmachung speziell Linux-Neulinge und Windows-Umsteiger an. KDE Plasma 6, hier in der Version 6.3.6, ist zwar eher eine Arbeitsumgebung für Fortgeschrittene, aber das Aussehen wird hier an Windows 10/11 angelehnt und es gibt zahlreiche Einrichtungshilfen. Nach dem Boot des installierbaren Livesystems erfolgt zunächst die Sprachauswahl, in welcher man „German“ für eine deutschsprachige Oberfläche wählt. Die vereinfachten Wege zeigen sich schon im angepassten Installer Calamares. Der Installer gibt vier verschiedene Profile zur Auswahl: „Q4OS Desktop“ ist das Standardprofil mit der empfohlenen vorinstallierten Software. Bei Programmen für den Alltag setzt Q4-OS auf die aktuellen Debian-Paketquellen des Stable-Zweigs und erleichtert Einsteigern die Einrichtung des Systems nach der Installation mit der Auswahl fertiger Softwaresets. Optional stehen so Libre Office 25.2, Firefox als Browser, VLC als Videoplayer und Thunderbird als Mailprogramm zur Verfügung. Unter Debian immer gerne gesehen ist auch die Möglichkeit, Mediacodecs einfach per Klick nachzurüsten. Für versierte Nutzer ist zur Verwaltung einzelner Pakete auch Synaptic vorinstalliert.
Mehr Infos zu Q4-OS
Webseite: http://q4os.org
Dokumentation: http://q4os.org/documents.html
Fun-OS 24.04.3 (64 Bit)
Hinter Fun-OS steckt eine junge, inoffizielle und besonders schlanke Ubuntu-Variante. Die bekannten Desktops gibt es hier nicht – stattdessen arbeitet der sehr sparsame Windowmanager JWM wie in bekannten Minimalisten wie Puppy Linux. Damit wird Ubuntu LTS mit dem aktuellen Stand der Ausgabe 24.04.3 für schwächere Rechner attraktiv, für die sonst nur noch Linux-Distributionen wie Arch Linux oder Debian 13 mit ausgewählten Minimaldesktops in Frage kämen.

Fun-OS startet als installierbares Livesystem und gibt Anwendern erst mal Gelegenheit, einen Blick auf die Arbeitsfläche zu liefern, die nach dem Boot unter 600 MB RAM verlangt. Weil Fun-OS in seiner Standardausstattung aber arg schlicht ist und nicht für deutschsprachige Anwender optimal, haben wir die inoffizielle Ubuntu-Variante noch mit Libre Office 24.2, mit dem Dateimanager Thunar, mit einem Samba-Client für Windows-Netzwerke und mit dem stets nützlichen Midnight Commander ergänzt. Zudem ist ein deutsches Tastaturlayout aktiv und die Programme starten mit deutschsprachiger Oberfläche. Üblicherweise müssten diese Komponenten und Sprachdateien in Fun-OS manuell nachinstalliert werden – hier ist das bereits geschehen. Bei der vorinstallierten Software liefert Fun-OS den Browser Firefox nicht als Snap-Paket mit. Stattdessen ist hier Firefox als DEB-Paket aus den alternativen Paketquellen der Mozilla-Entwickler an Bord.
Mehr Infos zu Fun-OS
Webseite: https://funos.org
Dokumentation: https://funos.org/documentation
Extra-Image: Inhalt & Download
Ein weiteres Image steht wieder als ISO-Datei zum Download bereit (4,3 GB). Es eignet sich für DVDs oder USB-Sticks. Die drei enthaltenen Livesysteme liefern Servicesysteme und die neue Ausgabe des TOR-Surfsystems Tails.
Das Image ist als Multiboot-Medium mit Menü für DVDs sowie für USB-Sticks ab 8 GB Kapazität gemacht und startet im Bios- sowie Uefi-Modus. USB-Sticks sind als Zielmedien zeitgemäßer als optische DVDs und starten deutlich schneller. Zur Übertragung auf USB-Stick oder SD-Karte eignet sich der USB Imager 1.0.10 (auf Heft-DVD, Download aller Versionen unter https://gitlab.com/bztsrc/usbimager). Das deutschsprachige Open-Source-Tool schreibt eine ausgewählte ISO-Datei auf ein Wechselmedium, das in einem Menü zur Wahl steht.
Die bootfähigen Systeme
Das zusätzliche Image auf unserer Webseite www.linuxwelt.de/dvd0625 versammelt drei Livesysteme in einer ISO-Datei. Wir bieten dabei den üblichen HTTP-Download über den Webbrowser an, außerdem die oft schnellere Übertragung über das Bittorrent-Protokoll. Zum Download kann ein beliebiger Bittorrent-Client dienen – unter Linux beispielsweise Transmission (Gnome) oder Ktorrent (KDE), unter Windows ist Tixati 3.36 ein empfehlenswerter Bittorrent-Client (Freeware, https://tixati.com, auf Heft-DVD).
Tails 7.0: Das bekannte Livesystem zur Nutzung des TOR-Netzwerk garantiert höhere Anonymität, denn hier ist auch der Browser/System-Fingerabdruck per Browser-ID kein verwertbares Merkmal mehr zur Identifizierung von Webseitenbesuchen. Das neue Tails 7.0 ist aus den Paketquellen von Debian 13 gebaut, hat also einen relativ neuen Kernel 6.12 und entsprechend frische Treiber. Es startet aus dem Image aus der originalgetreuen ISO-Datei, die sich im Ordner „Image-Dateien“ befindet. Die Oberfläche ist nun Gnome 48 (mehr Infos unter https://tails.net).
Rescuezilla 2.6.1: Das Livesystem für die Erstellung und Wiederherstellung von Datenträgerimages hat wieder ein Update nachgelegt. Rescuezilla greift die Idee von Clonezilla auf und bietet mit Partclone ein mächtiges Open-Source-Programm zum Backup von Partitionen mit grafischer Oberfläche. Die angelegten Backupsets von Rescuezilla sind voll kompatibel mit Clonezilla. Die erstellten Images können also später auch mit Clonezilla zurückgeschrieben werden. Rescuezilla 2.6.1 basiert auf Ubuntu 25.04 mit neuem Kernel 6.14 und startet einen minimalen Desktop mit einer kleinen Auswahl von Anwendungen (mehr Infos unter https://rescuezilla.com).
Mini-OS 5.0 LinuxWelt-Edition: Auch hier arbeitet ein Debian 13, allerdings in Form eines modularen Livesystems im Stil von Slax. Der Zusatz „LinuxWelt“ in der Versionsangabe zeigt an, dass wir in der Redaktion dem System Verbesserungen und Erweiterungen angedeihen ließen. In diesem Fall haben wir die XFCE-Oberfläche mit deutscher Sprache ausgestattet und auch das deutsche Tastaturlayout ist schon nach dem Start aktiv. Im System selbst gibt es den Browser Firefox 128 ESR, Gparted 1.6 und Gsmartcontrol für Laufwerks-Checks (mehr Infos unter https: //minios.dev).
Die Heft-DVD: Alles auch im Web
Sämtliche Inhalte der Heft-DVD, das Extra-Image sowie das XXL-E-Book als PDF finden Sie online unter www.linuxwelt.de/dvd0625.
Die Seite verlangt beim Aufruf folgende Eingaben:
Benutzername: dvd625, Passwort: 2nh4nd

