Distributionen | David Wolski | 02/2026 | 9. Juni 2026

Cosmic: Ein neuer Desktop

Es herrscht bekanntlich unter Linux kein Mangel an Desktopoberflächen. Aber die Entwickler des neuen Cosmic-Desktops wollten einen modernen Ansatz mit einem puren Wayland-Compositor und mit möglichst wenig Ballast wie dem X11-Protokoll.

Ein frischer Anfang, komplett in Rust geschrieben, ohne Abwärtskompatibilität zum althergebrachten Window-System X11/Xorg und nur mit Wayland-Protokoll: Cosmic hätte damit alle Voraussetzungen erfüllt, um Linux-Anwender zu polarisieren. Doch statt Schelte, bewährte Technik über Bord zu werfen, gibt es von Anfang an viel Zuspruch, denn diese Neuerfindung eines Linux-Desktops von Grund auf ist offensichtlich gelungen – und das in vertretbarer Entwicklungszeit von rund drei Jahren.

Neustart mit Rust

Hier kümmerte sich ein Entwicklerteam in Vollzeit um die Programmierung: Hinter Cosmic, der gerade mit Version 1.0 sein Debüt hinlegte, steht der Hardwaredistributor System 76 aus Denver, Colorado, dessen Notebooks und Desktop-PCs immer schon Linux-Anwender im Sinne hatten. Die ersten Rechner kamen vor zwanzig Jahren mit einem vorinstallierten Ubuntu auf den US-Markt. Später nutzte das Systemhaus die eigene Ubuntu-Variante Pop-OS mit angepassten Gerätetreibern und eigenem Kernel und einer zunehmend modifizierten Gnome-Umgebung. 

Erweiterungen ergänzten den Desktop wieder um traditionelle Bedienelemente und steckten ihn in ein eigenes Gewand, das zum visuellen Erscheinungsbild von System 76 passt. Wegen der strikten Vorgaben von Gnome 42 zum Aussehen der GUI mit der Bibliothek Libadwaita kam es vor drei Jahren zum Bruch. System 76 suchte nach Alternativen und landete schnell bei der Idee einer eigenen performanten Desktopumgebung ohne Kompromisse und einer optimalen Umsetzung von Wayland. Vorhandene Gnome-Abspaltungen wie Cinnamon kamen deshalb nicht in Frage. Zudem will System 76 die volle Kontrolle über Aussehen und Entwicklung des Desktops behalten, um diesen für die eigenen Rechner maßgeschneidert mit Pop-OS auszuliefern.

Komponenten und Programme

In seinem Aufbau folgt Cosmic, das unter der GNU General Public License 3 steht (https://github.com/pop-os/cosmic-comp), dem Aufbau anderer moderner Linux-Desktops wie KDE Plasma oder Gnome: Ein Compositor (Cosmic-Comp) kümmert sich um die Grafikdarstellung auf dem Bildschirm und bietet eine Wayland-Schnittstelle für laufende grafische Programme in der Desktopsitzung. Der Clou dieses Compositors: Anders als bei Gnome ist diese Komponente bei Cosmic schon für Multithreading ausgelegt. Das heißt, ein Fenster oder eine Eingabe wie die Bewegung des Mauszeigers muss nicht wie die bislang üblichen Compositoren mit nur einem CPU-Thread auf den Abschluss einer vorherigen Aktion warten. Schon auf einem älteren Mehrkernprozessor macht sich dieser Vorteil mit stets flotten Reaktionszeiten bemerkbar. Zur hardwarebeschleunigten Ausgabe und für Effekte wie Transparenz nutzt der Compositor Open GL oder das neuere Vulkan (je nachdem, was verfügbar ist) über die mitgelieferte Standard-Grafikbibliothek Mesa der Linux-Distribution.

Der Desktop selbst besteht aus Systemleiste, Starterdock und einem klassischen Desktop als Objektablage. Ein Texteditor, Terminalemulator, Dateimanager sowie eine grafische Aktualisierungsverwaltung mit Anbindung an Flathub liefert Cosmic schon mit. Diese Programme nutzen keine vorhandenen Toolkits wie GTK oder Qt, sondern das eigene Toolkit „Iced“, damit die Arbeitsumgebung aus einem Stück erscheint. Cosmic gelingt es auch, Gnome-Programme in einem ähnlichen Gewand zu kleiden, das dem Theme des Desktops entspricht. Bei KDE-Programmen mit Qt gelingt das doch nicht  – und diese Anwendungen wirken optisch fremd.

Start und erste Einrichtung

Von der schlichten Eleganz eines Gnome-Desktops entfernt sich Cosmic und sucht nach einer Balance zwischen Anpassungsfähigkeit und unaufdringlichen Standards. Cosmic will nicht zu viel vorgeben und zu Anfang schon mal zeigen, was es kann. Nach der Installation einer Linux-Distribution mit Cosmic meldet sich ein Einrichtungsassistent. Dieser bietet helle sowie dunkle Farbschemata, ein oberes Panel mit unterem Programmdock oder auch nur eine einzige Systemleiste mit Taskleiste im Stil von KDE. Der Assistent präsentiert auch gleich die Vorzüge einer kachelnden Fensterplatzierung und zeigt die wichtigsten Hotkeys.

Layoutangebote: Beim ersten Start zeigt ein Einrichtungsassistent zwei beliebte Aufteilungen zur Auswahl. Die Einstellungen erlauben weitere Anpassungen.

Zum Starten und zur Übersicht von Programmen gibt es zwei Elemente: Der Punkt „Applications“ im Panel bietet eine großflächige Anwendungsübersicht mit Suchfunktion im Stil von Gnome. Per Druck auf die Windows-Taste öffnet sich ein intelligenter Ausführen-Dialog mit Autovervollständigung, der an Krunner in KDE erinnert. In den Systemeinstellungen ist die Position des Panels an einem der Bildschirmränder noch nachträglich veränderbar. Überhaupt lädt der Punkt „Cosmic Settings –› Desktops“ gleich zu Beginn zur Erkundung ein. Sorge vor ungünstig gewählten Einstellungen muss man nicht haben, denn jeder dieser Punkte bietet ganz unten die Option „Auf Standardwerte zurücksetzen“.

Fazit: Flott, aber speicherhungrig

Cosmic liefert schon mit Version 1.0 einen übersichtlichen und flotten Desktop. Er löst mit flüssiger Darstellung und Multithreading einige Versprechen zu den Vorteilen Waylands ein. Der komplette Verzicht auf das herkömmliche Xorg hat aber den Nachteil, dass Programme ohne Wayland-Unterstützung mit der Kompatibilitätsschicht Xwayland arbeiten müssen. Diese funktioniert nicht mit allen Grafiktreibern – ältere Nvidia-Treiber vor Version 495 haben dabei Probleme. Der reaktionsschnelle Betrieb des Desktops bedeutet nicht, dass es sich um eine schlanke Umgebung handelt: Der Ressourcenbedarf mit Bibliotheken und dem Toolkit Iced liegt mit etwa 1,5 GB RAM höher als bei Gnome, KDE & Co. 

Im Stil von Gnome präsentiert Cosmic installierte Programme in einer großzügigen Übersicht mit Suchfunktion.

Zusätzliche Informationen: Distributionen mit Cosmic

Obwohl Cosmic jetzt schon eine ausgewachsene Desktop­umgebung ist und sein eigenes Toolkit für grafische Elemente nutzt, bleibt die Menge an Bibliotheken und Abhängigkeiten überschaubar. 

Pop-OS von System 76: In dieser angepassten Ubuntu-Variante ist Cosmic der Standarddesktop.

Für Linux-Distributionen ist es damit vergleichsweise einfach, Cosmic in den eigenen Paketquellen anzubieten. Cosmic gibt es deshalb nicht nur über die Installation des neuen Pop-OS 24.04 von System 76 (Download unter https://system76.com/pop/download, 2,9 GB). Auch Arch Linux und Fedora 43 haben den neuen Desktop schon in den Quellen. Fedora 43 (auf Heft-DVD) hat dabei den Vorteil, dass wir diese Ausgabe mit deutschen Sprachpaketen und deutschem Tastaturlayout ergänzen konnten. Dieses Livesystem startet von Heft-DVD oder über das dort mitgelieferte ISO-Image auch über USB-Sticks und präsentiert den Cosmic-Desktop weitgehend in Deutsch. Das Livesystem erlaubt somit einen ersten unverbindlichen Blick auf diese Arbeitsumgebung, ohne ein System oder den Desktop installieren zu müssen.