Da legt die bekannte Audioverarbeitung Audacity nach vielen Jahren das erste große Release vor, und dann geht die Freude darüber in einer emotional geführten öffentlichen Diskussion unter. Wir berichten über beides – die neue Version und den Streit.
Das letzte große Audacity-Release erschien im März 2012 (!). Seitdem weigerte sich die beliebte Software, die führende Versionsnummer 2 zu verlassen. Erst Anfang Mai 2021 war es dann so weit: Audacity 3.0 wurde freigegeben. Die Freude über die neue Version währte dann bei der Nutzergemeinde allerdings nur kurz.
Audacity wird verkauft!
Für Aufsehen sorgte die Meldung, dass das junge Unternehmen Muse Group die Software Audacity gekauft habe. Muse sammelt eine ganze Reihe von Applikationen und Plattformen rund um die Musikproduktion. Das Geschäftsmodell basiert offenbar auf Werbung und Abonnements für kostenpflichtige Dienste. Anfang Mai gab es dann das erste Beben. Denn in einem Vorschlag auf Gitbub kündigten die Entwickler an, eine von Google Analytics betriebene Telemetriefunktion in den Soundeditor zu integrieren. Mittels Analyse sollten Start und Ende einer Session, Fehlermeldungen, die Nutzung von Effekten und Generatoren, Dateiformate und das Betriebssystem ausgewertet werden. Die offizielle Ankündigung betonte, dass die Übermittlung der Daten freiwillig sei und per Voreinstellung das Senden der Daten unterbunden werde – dennoch erhob sich ein Sturm der Entrüstung.
Die Entwickler argumentieren, dass die Telemetriefunktionen dazu gedacht seien, die Bedürfnisse der Benutzer besser kennenzulernen. Dennoch stand und steht der Verdacht im Raum, dass dies ein erster Schritt in Richtung von Bannern und anderer Werbung sein könnte. Der Protest der Community hatte jedenfalls Erfolg. Bereits wenige Tage nach der Ankündigung waren Telemetriepläne wieder vom Tisch. Zukünftige Versionen werden aber einen Crashreport erhalten, der – mit Zustimmung des Users – Daten zu Fehlermeldungen übermittelt.
Wichtigste Neuerung: Das Dateiformat
Wer Audacity bereits häufig genutzt hat, kennt eine Schwachstelle der Vorgängerversionen, nämlich die Projektverwaltung. Bei der Montage von Audiodateien aus unterschiedlichen Quellen kommt schnell eine Menge an Dateien und Fragmenten zusammen. Welche Daten für das finale Projekt benötigt werden, speicherte Audacity zwar in seinen Projektdateien ab, nicht aber die verwendeten Dateien. Da nicht jeder Nutzer ein Organisationsgenie ist, gab es immer wieder böse Überraschungen, wenn das Projekt auf einem anderen System geöffnet werden sollte oder aus Versehen ein wichtiges Element im Dateimanager gelöscht wurde. Dieser Problematik gehen die Entwickler durch das neue Projektformat mit der Dateiendung „.aup3“ aus dem Weg. Dazu bedient sich Audacity einer Sqlite3-Datenbank, um die Projektbestandteile in einem Container zu speichern.

Das hat aus Sicht der Entwickler zwei große Vorteile. Einerseits können Projekte zuverlässig und vollständig weitergegeben werden. Zum anderen soll das Öffnen und Bearbeiten von Projekten schneller ablaufen, weil der Computer mit weniger Einzeldateien zu tun hat. Aber wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Denn mit der Einführung des Features wird auch eingeräumt, dass der erste Speichervorgang wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nehmen kann, weil die Datenstruktur aufgebaut werden muss. Das neue Format ist außerdem von keiner anderen Anwendung lesbar. Frühere Projekte lassen sich mit Audacity 3 zwar öffnen, dabei wird das Projekt aber in das neue Format konvertiert.
Das neue Format verpflichtet die Anwender, das Dateimanagement für ein Projekt ausschließlich in der Software selbst zu erledigen. Kopieren oder Umbenennen sollte ausschließlich im Audacity-Menü „Datei“ erledigt werden, da sonst die Datenstruktur beeinträchtigt werden könnte.
Viel Bugfixing
Wenn Sie die neue Version öffnen, werden Sie einen sichtbaren Unterschied lediglich beim Splashscreen feststellen. Die Entwicklung des neuen Projektformats hat offenbar den größten Teil der Ressourcen in Anspruch genommen. Unter der Haube hat sich gemäß den Release Notes allerdings viel getan. Für die Entwickler stand ein „Großreinemachen“ auf dem Plan, das insgesamt über 160 Fehler behoben hat. Das schafft eine bessere Codebasis und höhere Stabilität. Doch intensives Bugfixing bedeutet eben auch, das es wenig Neues gibt.
Noise-Gate: Zu den wenigen Neuerungen, die über das Bugfixing hinausgehen, gehört die Überarbeitung des Noise-Gates. Sie finden es im Menü „Effekt“. Das Werkzeug wird auf einen Teil der Tonspur oder auf die ganze Spur angewendet. Es hat die Aufgabe, den Pegel eines Restrauschens zwischen verschiedenen Abschnitten einer Aufnahme zu reduzieren. Im ersten Schritt wird über das Listenfeld „Function“ die Analyse gestartet. Damit dies korrekt funktioniert, müssen Sie bei der Auswahl der Spur darauf achten, dass sich darin tatsächlich störendes Rauschen befindet. Die Messung erfolgt in der ersten halben Sekunde der Auswahl. Die Analyse schlägt dann die Einstellungen für das Noise-Gate vor. Dies wird dann über die Funktion „Gate“ angewendet.

Label Sound: Neu ist das Werkzeug „Label Sounds“. Falls Sie die eher belustigende als hilfreiche deutsche Oberfläche bevorzugen, wählen Sie „Analyse –› Geräusche beschriften“ oder eben „Analyze –› Label Sounds“. Es ersetzt die beiden bisherigen Tools „Sound Finder“ und „Silence Finder“. Dessen Aufgabe ist es, innerhalb einer längeren Aufnahme die verschiedenen Einzelteile – Songs oder Sätze – zu identifizieren. Ein klassisches Beispiel ist die Aufnahme einer digitalisierten LP, die nachträglich in Einzelstücke zerlegt werden soll.

Die Funktionsweise ist leicht verständlich. Der Track wird in Intervallen von zehn Millisekunden untersucht. Liegt die Signalstärke unterhalb eines bestimmten Wertes, wird diese Stelle als Stille interpretiert. Oberhalb des Wertes handelt es sich um einen „Sound“, um in der Sprache des Programms zu bleiben. Grundsätzlich können Sie mit den vorgeschlagenen Werten arbeiten, noch akkurater wird es, wenn Sie sich vorab eine solche Stelle in der Tonspur suchen und sich die Signalstärke ansehen. Da „Stille“ nicht immer das Ende eines Songs bedeuten muss, sondern auch Bestandteil der Musik sein kann, bietet das Werkzeug zusätzlich noch die Option, die minimale Dauer der Stille zu definieren und die Intervalle zwischen den Fundstellen festzulegen. Bei einem Album aus der Popwelt dürften die verschiedenen Tracks wenigstens zweieinhalb oder drei Minuten lang sein. Entsprechend passen Sie den Abstand zwischen den Labels an. Anschließend lassen Sie das Werkzeug seine Arbeit verrichten.

