Server | David Wolski | 1-2022 | 26. November 2021

Armbian: Linux für ARM-Platinen

Ein Vorteil und einer wichtigsten Faktoren des Raspberry Pi ist das Linux-System
Raspberry-Pi-OS, das perfekt auf die Platine zugeschnitten ist. Armbian kann als Debian-System für ARM diese Lücke bei anderen Ein-Platinen-Rechnern füllen.

Ein Vorteil und einer wichtigsten Faktoren des Raspberry Pi ist das Linux-System
Raspberry-Pi-OS, das perfekt auf die Platine zugeschnitten ist. Armbian kann als Debian-System für ARM diese Lücke bei anderen Ein-Platinen-Rechnern füllen.

Der Erfolg des Raspberry Pi ist eng an das von Anfang an verfügbare Debian-System geknüpft, das die Platine stabil betreibt und mit einer großen Paketauswahl für die ARM-Architektur aufwartet. Unter den Linux-Distributionen, die für den Raspberry Pi in Frage kamen, tat sich schnell die Debian-Variante namens „Raspbian“ hervor. Diese Distribution begann als Hobbyprojekt, um 19 000 Softwarepakete aus den Debian-Quellen für den ARM-Prozessor des ersten Raspberry Pi zu portieren. Das Vorhaben gelang und konnte auch den Fließkommaprozessor der ARMv6-CPU nutzen – anders als bereits verfügbare, aber weniger gut angepasste Systeme. Mit dem Erscheinen des ersten Raspberry Pi 2012 sprachen dessen Macher deshalb eine Empfehlung für die Debian-Variante Raspbian aus. Aus dieser Distribution wurde Ende 2020 „Rasp­berry-Pi-OS“, dessen Entwicklung mittlerweile unter der Ägide der Raspberry Pi Foundation stattfindet.

Armbian: Unabhängige Entwicklung

Nun gibt es mittlerweile aus Fernost eine Menge weiterer Ein-Platinen-Computer. Obwohl sich die Hardware, RAM, die Anschlüsse und die verbauten ARM-Chips dieser Boards oft sehen lassen können, blieb softwareseitig viel zu wünschen übrig. Zwar setzten die meisten der Hersteller wie die chinesische Firma Lemaker und Cubietech auch auf eine Debian-Variante, konnten diese aber auf Dauer nicht mit dem gleichen Engagement pflegen, wie es der Rasp­berry Pi Foundation gelang. Ein großes Problem sind fehlende Updates und Bugfixes, die einige Boards wie den Banana Pi und den Cubietruck inzwischen in der Schublade verstauben lassen, weil die Software einfach zu alt ist. Einige der mit ausgelieferten Debian-Systeme waren auch von Anfang an nie stabil genug für einen längeren Einsatz.

Das ist in Anbetracht der oft fähigen Hardware ein Jammer, der nun aber ein Ende hat: Mit Armbian gibt es eine Linux-Distribution, die größtenteils unabhängig von den ursprünglichen Herstellern stattfindet und gerade etwas älteren Boards wieder neues Leben einhauchen kann. Armbian ist keine Universaldistribution für die verfügbaren ARM-Architekturen, dazu sind die System-on-Chip-Einheiten auf den Boards dann doch zu unterschiedlich. Es gibt aber eine grandiose Zahl an Armbian-Versionen, die für taugliche Ein-Platinen-Rechner der letzten Jahre maßgeschneidert sind. Armbian versorgt diese Boards mit frischen Paketen aus den passenden ARM-Ausgaben Debians, in vielen Fällen aber auch aus den Ubuntu-Quellen.

Wird mein Board unterstützt?

Je nach Board und Größe der dahinterstehen Community innerhalb des Armbian-Projekts gibt es Pakete aus dem aktuellen Debian-Zweig „Bullseye“ oder dem nach wie vor gepflegten Debian 10 „Buster“, ferner von Ubuntu 18.04 oder sogar Ubuntu 21.04. Eine durchsuchbare, kategorisierte Übersicht, welche Platinen unterstützt werden, findet sich auf der Webseite https://www.armbian.com/download. Die Liste lässt sich anhand der Board-Kategorie oder des Herstellers filtern. Es gibt drei verschiedene Level, die den Grad der Unterstützung zeigen:

• „Supported“ bedeutet, dass die Platine von den angebotenen Armbian-Systemen gut unterstützt wird.
• „Suitable for testing (WIP)“ indiziert, dass Armbian zwar funktioniert, aber Details auf dieser Hardware noch Probleme bereiten könnten. An eine Installation sollten sich nur erfahrene Anwender wagen. Auch gibt es grundsätzlich für diese Boards nur Armbian-Images ohne grafische Oberfläche.
• „No official support“ verweist auf ein Armbian-Image, das nicht von der Armbian-Community stammt, sondern von einem anderen Entwickler, gelegentlich auch vom Hersteller selbst. Dokumentation und Unterstützung im Forum von Armbian gibt es für diese Platinen nicht.

Für den Raspberry Pi (alle Modelle) gibt es keine Armbian-Ausgabe, denn die Armbian-Entwickler sind überzeugt, dass Rasp­berry-Pi-OS optimal ist und die Pflege einer Armbian-Version nur Zeitverschwendung wäre.

Für fast alle Boards gibt es mehrere Armbian-Varianten zum Download. Bei unterstützten Platinen gibt es auch eine Empfehlung der Community, welche Images sich am besten eignen. Diese Systeme gibt es dann mit oder ohne Desktop, wobei hier stets XFCE gewählt ist. Nur unter experimentellen Armbian-Images sind bisweilen auch andere Desktops wie Cinnamon und Budgie vertreten.

Eine grandiose Hilfestellung findet sich auf den jeweiligen Seiten zu den Boards: Eine angehängte Liste mit Peripherie zeigt, welche Hardware die Entwickler speziell mit dieser Platine und Armbian schon erfolgreich getestet haben. Dies sind zumeist WLAN-USB-Sticks und Ethernet-Adapter, deren Chipsatz mit dem Armbian-Kernel funktionieren.

Armbian mit XFCE-Desktop: Bei gut unterstützten Platinen ist auch immer ein größeres Armbian-Image mit schlichter XFCE-Oberfläche verfügbar.

Die erste Konfiguration

Alle Armbian-Systeme haben gemeinsam, dass sie für Flashspeicher optimiert sind. Beim ersten Boot vergrößert sich das Wurzeldateisystem automatisch auf die komplette Kapazität der SD-Karte. Zudem führt das laufende System das Logging weitgehend im Arbeitsspeicher aus. In Armbian ist zu diesem Zweck der Dienst Log2ram vorinstalliert. Eine weitere Besonderheit ist, dass nicht nur DHCP aktiv ist, damit sich Platinen per Ethernet automatisch eine IP-Adresse holen, sondern stets auch der SSH-Server. Eine SSH-Anmeldung ist also bereits bei einem frisch installierten Armbian möglich. Der Benutzer root hat das voreingestellte Passwort „1234“, was nach der ersten Anmeldung geändert werden sollte. Hier ist unbedingt zu beachten, dass die Tastaturbelegung zunächst US-Englisch ist (QWERTY). Auf ein Passwort mit Sonderzeichen sollte man also besser verzichten.

Vom Raspberry Pi ist das Tool armbian-config inspiriert, das mit root-Recht ausgeführt werden muss. Es gleicht dem Tool raspbi-config und bietet ein textbasiertes Menü für die Systemkonfiguration. Wichtig ist der Punkt „Personal Settings –› Locales“ zur Änderung der Systemsprache, und „Keyboard“ stellt die gewünschte Tastaturbelegung ein. Für Platinen mit WLAN-Chips findet sich unter „Network“ die Einstellung für Drahtlosnetzwerke.

Sprache und Tastatur einstellen: Das Tool armbian-config ist dem Konfigurationstool des Raspberry Pi nachempfunden und dient unter anderem zum Wechsel der Systemsprache.

Zusätzliche Info: Armbian auf eine Karte schreiben

Mit wenigen Klicks zur fertig beschriebenen SD-Karte für Armbian: Die mit Abstand komfortabelste Methode, ein Armbian- oder sonstiges Image auf eine Speicherkarte zu bringen, ist der plattformübergreifende Raspberry Pi Imager, der unter www.raspberrypi.org/software für Microsoft Windows als EXE-Datei, für Mac-OS als DMG-Archiv und für Debian/Ubuntu als installierbares DEB-Paket zum Download bereitsteht. Im Programm dient der Punkt „Eigenes Image“ dazu, das zuvor entpackte Armbian-Image (IMG-Datei) zum Übertragen auf eine SD-Karte auszuwählen.

Dient auch zum Schreiben von Armbian-Images: Im Raspberry Pi Imager findet sich ganz unten die Option, eine IMG-Datei auszuwählen.