Arch Linux und Ubuntu zeigen, wie breit das Spektrum schon unter den Mainstream-Linux-Distributionen aufgefächert ist: Ubuntu startet nach dem Booten vom Installationsmedium einen optisch aufpolierten, auf Einsteiger zugeschnittenen Installer. Bei Arch Linux erscheint nach dem Start des konsolenbasierten Installationssystems nur ein Hinweis auf den Installationsleitfaden im Internet, ein Tipp zur Wi-Fi-Verbindung und der Link zum „Installation_guide“, der die Installationsanleitung in einem Konsolenbrowser öffnet. Damit dürfte für den Großteil der Anwender das Thema „Arch“ schon im ersten Schritt erledigt sein.
Einstiegshürde Installation
Das Einrichten eines Systems mit dem Ubuntu-Installer gelingt praktisch ohne jede Linux-Vorerfahrung: Sie führt den Anwender in einem Wizzard-Interface durch selbsterklärende Schritte. Das Setup kommt auch damit klar, wenn ein bereits bestehendes Betriebssystem den zur Verfügung stehenden Plattenplatz belegt, und schlägt eine per Schieberegler veränderbare Partitionsaufteilung vor.
Bei der Arch-Installation ist dagegen Know-how aus der Linux-Systemadministration gefragt: Wer die Arch-Linux-Home-Homepage besucht und dort zum „Wiki“ navigiert, findet die Seite „Installation guide“ (https://tinyurl.com/4axyn3pp), die ein gutes Dutzend Installationsschritte im Konsolen-Livesystem des Arch-Installationsmediums auflistet. Das stets sehr aktuelle ISO-Image umfasst nur etwa 1,3 GB und ist unter https://archlinux.org/download/ auf zahlreichen Spiegelservern verfügbar. Alle auszuführenden Konsolenbefehle sind verständlich erläutert. Auch ohne grafische Oberfläche lässt sich diese Installationsanleitung des Arch-Wikis dort über den Aufruf von „Installation_guide“ in einem Konsolenbrowser öffnen.

Wer eine Arch-Linux-Installation durchgeführt hat, der beherrscht spätestens jetzt etliche Grundfertigkeiten eines Linux-Systemadministrators, und das entspricht auch der Arch-Linux-Philosophie: Der Arch-Nutzer soll jeden Aspekt seines Systems verstehen, weil er es selbst händisch eingerichtet hat. Darum investiert Arch Linux seine Ressourcen lieber in ein umfassendes, liebevoll gepflegtes Wiki, eine der besten Wissensquellen zur Linux-Systempflege, als in einen grafischen Installer.
Wegen dieser Arch-Philosophie erwähnt der Standard-Installationsleitfaden den seit gut einem Jahr auf den Installationsmedien verfügbaren Pseudo-GUI-Installer „archinstall“ gar nicht erst, obwohl er selbst versierten Anwendern Zeit spart, indem er die im Installationsleitfaden manuell durchzuführenden Schritte automatisiert: Der Arch-Installer arbeitet auf Basis der performanten Arch-Linux-Paketverwaltung sehr zügig und eine Installation ist damit schneller erledigt als bei Ubuntu. Dabei besteht eine freie Auswahl der Desktopoberfläche.
Der Standard-Ubuntu-Installer richtet ausschließlich den angepassten Gnome-Desktop von Ubuntu ein. Andere Ubuntu-Flavours wie Kubuntu mit KDE, Lubuntu mit LXQT oder Xubuntu mit XFCE verhalten sich ähnlich und bringen den jeweiligen Desktop gleich im Installer mit. Natürlich ist es bei allen Ubuntu-Varianten möglich, nach der Einrichtung des Systems zusätzliche Desktops zu installieren.

Snapshot-Backup: Arch ist ein Rolling Release, das sich ohne Systemupgrades permanent aktuell hält (siehe unten mehr). Das ist nicht ohne Risiken, und daher richtet schon Archinstall auf Wunsch einen praktischen Snapshot-Mechanismus ein (https://wiki.archlinux.org/title/Snapper), wie er von Open Suse oder von den Wiederherstellungspunkten unter Windows bekannt ist. Sollte sich nach Updates unter Arch Linux ein störender Fehler zeigen, können Anwender in einen früheren Systemzustand booten und das Update verschieben, bis das Problem gelöst ist.

Desktops unter Arch
Am Beispiel von Gnome wird es besonders deutlich: Der Gnome-Desktop eines Arch Linux unterscheidet sich deutlich von dem eines Ubuntu. Die Ubuntu-Entwickler haben den Standard-Gnome-Desktop nicht bloß optisch angepasst, sondern auch funktional: Anders als beim originalen Gnome-Desktop ist am linken Fensterrand ein permanent eingeblendetes Favoritendock zu sehen –Programmstarter und Fensterwechsler nach Art von Mac-OS. Der modifizierte Gnome von Ubuntu kommt damit Umsteigern entgegen, die bislang andere Oberflächen gewohnt waren. Das elegante, aber durchaus eigenwillige Gnome-Konzept mit Aktivitäten und Vollbildmenü erhält durch Ubuntu-Anpassungen einige klassische Standards zurück, neben dem Dock etwa auch die Nutzung der Arbeitsfläche als Dateiablage.
Arch Linux hingegen liefert den Gnome-Desktop bis hin zum Hintergrundbild in der originalen Form aus, wie er von den Gnome-Entwicklern vorgesehen ist. Das gilt für alle anderen Desktopoberflächen genauso und gehört zur Arch-Distributionspolitik: Arch Linux versteht sich als Distributor und verändert Software grundsätzlich nicht selbst. Das liegt einerseits daran, dass das mit gut 25 Kernentwicklern recht kleine Team sonst überfordert wäre, aktuelle Softwarepakete schon wenige Tage nach der Freigabe in den Paketquellen bereitzustellen. Alles, was ein Arch-Nutzer an Desktops und Anwendungssoftware ändern will, muss er selbst in die Hand nehmen (etwa durch Gnome-Erweiterungen). Auf der anderen Seite garantiert der Originalzustand der Software, dass Dokumentation und Anleitungen im Internet zutreffen (sofern sie nicht auf Ubuntu zugeschnitten sind).

Rolling Release und Updates
Bei der Updatepolitik unterscheiden sich Ubuntu und Arch Linux grundlegend: Arch Linux ist ein Rolling Release, Ubuntu hingegen ein klassisches Fixed Release mit festen Releasezyklen, die Versionsupgrades der mitgelieferten Programme nur beim halbjährigen Distributionsupgrade einspielt (Point Release). Zwischenzeitlich gibt es ausschließlich die notwendigen Sicherheitsupdates.
Arch-Linux-Anwendern steht nicht halbjährlich, sondern tatsächlich tagtäglich ein kleines Distributionsupgrade ins Haus. Täglich muss das Einspielen der Updates zwar nicht unbedingt erfolgen, aber da auch Sicherheitsfixes enthalten sind, ist es nicht ratsam, allzu lange damit zu warten. Allerdings handelt es sich um kleine Upgrades, die nur einen Teil des Systems erfassen, mit entsprechend geringerem Problempotenzial. Potenzielle Ärgernisse beim Distributionsupgrade verteilen sich so über das ganze Jahr, treten in der Summe deswegen aber nicht häufiger auf. Ob man es als Vor- oder Nachteil empfindet, wenn Probleme weniger gebündelt, dafür zeitlich schlechter planbar auftreten, ist eine Frage der persönlichen Präferenzen.
Ubuntu informiert durch ein Taskleisten-Icon über das Vorliegen von Updates. Ein GUI-Programm spielt die Patches ein. Zudem liefert Ubuntu mit dem „App-Zentrum“ eine wie ein App-Store gestaltete grafische Anwendung zur Softwareinstallation mit. Bei Arch Linux gibt es im Auslieferzustand nichts dergleichen: Um Updates abzurufen und einzuspielen, führt der Anwender den Befehl
sudo pacman -Syu
im Terminal aus. Das wichtige Werkzeug Pacman dient auch der Softwareverwaltung. Seiner Ausrichtung gemäß nimmt ein Arch Linux keine Rücksicht auf Einsteiger. Wer sich aber auf das Terminalprogramm einlässt und die Handvoll der wichtigsten Pacman-Befehle verinnerlicht, wird die Performance und den Leistungsumfang bald zu schätzen wissen.

Die Software-Paketformate
Bei genauerem Blick in das „App-Zentrum“ fällt auf, dass Ubuntu das klassische Debian-Paketformat (DEB) mittlerweile immer mehr durch die Eigenentwicklung Snap ersetzt (https://snapcraft.io). Firefox ist ein prominentes Beispiel dafür. Snap-Container sind versions- und distributionsübergreifende Softwarepakete, die außer dem eigentlichen Programm auch alle Abhängigkeiten mitliefern. Darum sind sie nicht mehr wie klassische Linux-Pakete an eine bestimmte Systemumgebung als Lieferant für diese Abhängigkeiten gebunden. Die Pakete sind um ein Mehrfaches größer, belegen mehr Arbeitsspeicher und sind in der Regel etwas langsamer. Andererseits lassen sich Updates problemlos wieder rückgängig machen, da keine Abhängigkeitsprobleme mit der Systemumgebung auftreten können.
In die Kritik geraten ist Ubuntu damit, dass es den Quellcode für den Snap-Store nicht veröffentlicht hat und damit zwangsläufig einziger Vertreiber für Snap-Pakete bleibt. Dies hat auch die Verbreitung von Snaps auf anderen Distributionen verhindert, obwohl das clientseitige Programm (snapd) zur Installation quelloffen verfügbar ist und Pakete für zahlreiche Distributionen existieren, auch für Arch Linux.
In der Praxis sind Menge und Auswahl der Softwarepakete für Anwender der wichtigste Aspekt. Die Anzahl der verfügbaren Pakete in den Arch-Linux-Paketquellen liegt bei rund 14 500, in den Ubuntu-Paketquellen dagegen bei über 39 000. Im Snap-Store sind noch einmal über 5000 Pakete verfügbar, die sich allerdings oft mit den Debian-Paketen überschneiden. Zahlenmäßig ist Ubuntu hier klar im Vorteil.
Der Vergleich fällt anders aus, wenn man das Arch User Repository (AUR) mit einbezieht (https://wiki.archlinux.de/title/Arch_User_Repository): In diesem stehen zwar keine direkt installierbaren Pakete bereit, aber das AUR enthält etwa 90 000 Steuer-Scripts für den automatisierten Paketbau auf dem eigenen System. Dazu laden Arch-Anwender den zu einem Paket gehörigen Tar-Snapshot herunter und entpacken ihn. Im entstandenen Unterverzeichnis ist dann das Tool „makepkg“ auszuführen (https://wiki.archlinux.org/title/Makepkg).

Da in solchen Quellpaketen die Abhängigkeiten weniger streng ausfallen als bei direkt installierbaren Binärpaketen, braucht die große AUR-Sammlung weniger Pflege als die Kernpakete in den offiziellen Arch-Repositorys. Der Upload eigener AUR-Pakete steht im Prinzip jedem registrierten Nutzer offen, was natürlich auch ein Sicherheitsrisiko darstellt. Generell gibt es bei AUR keine Qualitätsgarantie, wenngleich das Arch-Team das AUR regelmäßig nach fehlerhaften Paketen durchforstet.
Die Stärke des Paketbausystems von Arch Linux liegt darin, dass die Steuer-Scripts für den Paketbau als Bash-Code umgesetzt sind, den viele Linux-Anwender verstehen und überprüfen können. Nicht immer funktioniert der Paketbau, was die hohe Zahl der dort verfügbaren Pakete etwas relativiert: Manche von ihnen sind veraltet oder eventuell von Anfang an fehlerhaft. Das Kompilieren auf dem lokalen System kann je nach Leistungsfähigkeit lange dauern. Außerdem kommt es vor, dass aus selbst erstellten Paketen installierte Programme schon nach dem nächsten Update des Systems nicht mehr starten, woraufhin das Paket neu zu erstellen ist.
Auch unter Ubuntu-Systemen ist natürlich das Kompilieren von Quellcode auf dem eigenen System möglich, allerdings kaum verbreitet. Die Distribution nutzt, zumindest auf Systemebene, das DEB-Paketformat aus Debian. Mit dpkg-buildpackage ist ein dem Makepkg von Arch Linux entsprechendes Tool vorhanden.
Zusätzliche Information:
Arch-Varianten: Endeavour und Manjaro
Der Haupttext macht es deutlich: Ein pures Arch ist dauerhaft topaktuell, vergleichsweise schlank und daher schnell.
Pures Arch hat kein Paket, keine Desktop- oder Softwareanpassung, die der Arch-Nutzer nicht selbst will. Das bedeutet aber viel Eigenverantwortung und Anpassungsarbeit für den Nutzer. Arch selbst wird daher immer in der Ecke der Puristen und Poweruser bleiben. Erfolgreicher und verbreiteter als Arch sind daher seit Jahren einige Arch-Derivate, welche die größten Einstiegshürden beseitigen oder verringern. Die beiden bekanntesten – Endeavour-OS und Manjaro Linux – haben folgenden Fokus:
Endeavour-OS (https://endeavouros.com) bleibt als waschechtes Rolling Release ganz nah beim puren Arch und nutzt dessen Paketquellen. Für die allerwichtigste Software liefert die Distribution einen sehr einfachen grafischen Quickstart-Installer mit, im Alltag ist aber die Einarbeitung in Pacman auch bei Endeavour unerlässlich. Desktop und Software kommen nicht völlig unkonfiguriert und sind damit ab Installation einsatzbereit. Eigentlicher Fokus von Endeavour ist aber die komfortable Arch-Installation mit dem grafischen Calamares-Installer, den etwa auch Kubuntu nutzt, der hier aber mit seiner „Online/Offline“-Option noch mehr bietet. „Offline“ wird der Desktop des ISO-Images installiert, „Online“ besteht freie Desktopauswahl.

Manjaro Linux (https://manjaro.org/) entfernt sich deutlich weiter von purem Arch. Der angepasste Calamares-Installer ist mit zusätzlicher Dateisystem- und Officeauswahl funktionsreicher als die Calamares-Installation unter Kubuntu oder Lubuntu. Für Installationen und Systemaktualisierung liefert Manjaro den grafischen Pamac-Manager mit, der das Terminaltool Pacman weitgehend ersetzen kann. Außerdem investiert Manjaro in die Vorkonfiguration der ausgelieferten Desktops für ein sofort ansprechendes Nutzerlebnis. Das Wichtigste bei Manjaro ist aber die Releasepolitik: Manjaro Linux ist kein waschechtes Rolling Release, sondern liefert nur getestete Arch-Pakete aus. Das erfordert ein eigenes Repository und erzwingt sowohl deutlich geringere Paketmengen als auch geringere Aktualität. Auf der Habenseite darf Manjaro aber als die pflegeleichteste und stabilste Arch-Variante gelten.

