Software | Sven Bauduin | 4/2023 | 26. Mai 2023

Spielen unter Linux

Anwender, die mit ihrem PC spielen wollen, müssen nicht mehr zwangsläufig auf Windows setzen. Linux ist dank der Bemühungen von Valve rund um Steam, Steam-OS, Proton, Steam Deck mittlerweile eine echte Alternative für Spieler.

Anwender, die mit ihrem PC spielen wollen, müssen nicht mehr zwangsläufig auf Windows setzen. Linux ist dank der Bemühungen von Valve rund um Steam, Steam-OS, Proton, Steam Deck mittlerweile eine echte Alternative für Spieler.

Spieler, die ihrem Hobby primär am PC nachgehen wollen, standen insbesondere im Hinblick auf die Kompatibilität von AAA-Spielen lange Jahre vor einem Dilemma. Während nativ für Linux entwickelte Spiele, welche sich technisch auf Höhe der Zeit bewegten, eine echte Ausnahme darstellten, löste auch die „Kompatibilität“ von „Windows-Spielen“ keine Jubelstürme aus. Diese war nämlich viel zu oft ganz einfach nicht gegeben.

Valve stößt die Tür für Linux-Spieler auf

Die Bemühungen von Wine HQ, mit der Laufzeitumgebung Wine Windows-Spiele unter Linux lauffähig zu machen, verdienen alle Ehre, bleiben aber defizitär. Erst die Absichtserklärung von Valve, einen zweiten Anlauf mit einer hauseigenen „Gaming-Distribution“ zu unternehmen, haben dem Thema „Spielen unter Linux“ so richtig Leben eingehaucht. Seitdem sich das amerikanische Softwareunternehmen dazu entschlossen hat, seinen eigenen Handheld-PC nebst eigener Linux-Distribution anzubieten, gestaltet sich die Situation für Spieler unter Linux immer erfreulicher.

Hierzu trägt auch die ebenfalls von Valve in Kooperation mit Codeweavers entwickelte und quelloffene Software Proton ihren Teil bei. Ziel von Proton ist es, Steam-Spiele, die für Windows erstellt wurden, auch unter Linux lauffähig zu machen. Proton verwendet zur Implementierung von DirectX 11 und DirectX 12 die freie Grafik-API Vulkan. Und das mit großem Erfolg, wie die gut gepflegte Datenbank von Proton DB bestätigt (www.protondb.com). Zum Zeitpunkt dieses Artikels sind bereits rund 3200 Spiele für das Steam Deck verifiziert, weitere 8600 Titel ohne größere Anpassungen spielbar.

3200 Spiele sind offiziell für das Steam Deck verifiziert. Weitere 8600 Spieletitel sind aktuell ohne nennenswerte Anpassungen spielbar.

Die Linux-Komponenten zum Spielen

Nicht nur Valve und dessen Hardware und Software profitieren von der aktuellen Entwicklung. Mittlerweile kann jede halbwegs aktuelle Linux-Distribution, die über entsprechend frische Softwarepakete verfügt, für den Spieleeinsatz startklar gemacht und zur „Gaming-Distribution“ ausgebaut werden. Für das Spielen unter Linux werden die nachfolgenden Pakete als essenziell angesehen und sollten auf keinem System fehlen, dessen primärer Einsatzzweck es ist, Spiele zu beschleunigen.

Mesa 3D ist eine freie Grafikbibliothek (Paketname „mesa-utils“), welche unter Linux die Spezifikation von Open GL umsetzt und als Grafikstack dient. Hardwarebeschleunigte 3D-Grafik wird durch die Kombination mit der Direct Rendering Infrastructure, einem Framework für Unix-Betriebssysteme, realisiert, das den direkten Zugriff auf die Grafikkarte ermöglicht – quasi das Pendant zu DirectX unter Windows.

Auch neueste Features wie Raytracing und KI-Upscaling sind in den Mesa-Grafikstack eingeflossen. Für neueste Versionen sorgt entweder ein Rolling Release (siehe unten) oder für Ubuntu-basierte Distributionen ein PPA:

sudo add-apt-repository ppa:kisak/kisak-mesa

sudo apt update

sudo apt install mesa

Steam: Der Steam-Client (Paketname „steam“) ist nicht der einzige Spieleclient unter Linux. Er ist aber durch seinen Zugriff auf die besonders populäre Spiele-Vertriebsplattform Steam für das Spielen aktueller Spiele unter Linux essenziell. Ein Tipp: Die Steam-Bibliothek kann unter https://store.steampowered.com/linux nach nativen Linux-Spielen sowie nach solchen filtern, die auf ihre Kompatibilität mit Linux allgemein und Steam-OS im Speziellen getestet wurden.

Proton: Wie schon erwähnt, ist das unter der Federführung von Valve entwickelte Proton der Kompatibilitätsschlüssel unter Linux für das ordnungsgemäße Ausführen von Steam-Spielen, die ursprünglich für Windows entwickelt wurden. Die aktuellste stabile Version der Software wird automatisch über den Steam-Client installiert. Auch können auf diesem Weg die neuesten, aber noch weniger stabilen Betaversionen ausprobiert werden.

Proton GE Custom (optional): Der umfassend optimierte und sehr gut gepflegte Fork Proton GE Custom (https://github.com/GloriousEggroll/proton-ge-custom/) setzt auf Wine-Vanilla und ist in der Regel nochmal besser auf aktuelle Spiele ausgelegt. Zudem ist er besonders aktuell bei neuesten Patches.

Wine: Die Wine-Umgebung sollte ebenfalls auf dem aktuellsten stabilen Stand gehalten werden. Auch hier stehen über die Projektseite des Entwicklers Thomas Crider alias „GloriousEggroll“ (https://github.com/GloriousEggroll/) mit Wine GE Custom und Proton-Wine optimierte Forks zum Download bereit.

Protonup-Qt: Dieses optionale Tool ist hilfreich bei der Aktualisierung und der Verwaltung von Proton GE und Wine GE (https://davidotek.github.io/protonup-qt/). Es handelt sich um ein Werkzeug, um seine alternativen Proton- und Wine-Laufzeiten auf dem neuesten Stand zu halten.

Optionale Clients abseits von Steam: Lutris (https://lutris.net/) macht die Vertriebsplattformen GOG und Epic Games Store sowie deren Spielebibliotheken unter Linux verfügbar, Gleiches gilt für den Heroic Games Launcher (https://heroicgameslauncher.com/), der eine Alternative sein kann. Weitere kleinere Clients erweitern das Angebot beispielsweise um Independent- und Retrogames.

Die Steam-Bibliothek lässt sich komfortabel nach Spielen filtern, die mit Steam-OS und mit Linux generell kompatibel sind.

„Die“ richtige Distribution gibt es nicht

Wie auch bei anderen Anwendungsbereichen, die man unter Linux in Angriff nehmen kann, so gilt auch für das Thema „Spielen unter Linux“: Die eine richtige Distribution für dieses Vorhaben gibt es nicht. Aber es gibt geeignete und weniger geeignete Zusammenstellungen. Die nachfolgenden Distributionen sind aktuell die Favoriten der wachsenden Anzahl von Linux-Spielern, die in aller Regel topaktuelle Rolling Releases bevorzugen.

Open Suse Tumbleweed ist als Ausgangsbasis und Fundament für ein Gamingsystem ebenso geeignet wie Arch Linux oder eines der zahlreichen Arch-Derivate wie beispielsweise Endeavour-OS. Einen guten Ruf unter Spielern konnten sich zuletzt auch die Debian/Ubuntu-basierten Distributionen Pop-OS und Nitrux erarbeiten. Letzteres ist in diesem Umfeld das einzige Betriebssystem, welches nicht auf den stets aktuellen „Rolling“-Erscheinungszyklus setzt. Zu guter Letzt ist auch noch Fedora Workstation einen genaueren Blick wert. Es gibt aber mittlerweile einen Kandidaten, der das Potenzial besitzt, sich als waschechtes Gamingsystem neben Steam-OS zu etablieren – das Nobara Project.

Spezialisierte Distribution für Gaming und Streaming: Das Nobara Project basiert auf Fedora 37 Workstation mit Gnome 43.

Nobara-Projekt: Optimiertes Fedora-Gaming

Das Nobara Project optimiert die populäre Linux-Distribution Fedora Workstation mit Wine, Grafiktreibern, Codecs und zusätzlicher Software in Richtung Streaming und Gaming. Das junge Projekt, das vom Gamingexperten Thomas Crider ins Leben gerufen wurde und von diesem auch betreut wird, erweitert die an sich als Workstation ausgelegte Distribution sinnvoll und mit Weitsicht.

Derzeit auf Basis von Fedora 37 Workstation sowie dem freien Desktop Gnome 43 schneidert das Nobara Project eine Gaming-Distribution, welche alle nötigen Abhängigkeiten von Wine auflöst und bereits mit den neuesten Versionen von Proton GE sowie Wine GE ausgerüstet ist. Das Projekt bietet zudem speziell an Spieler adressierte Verbesserungen wie Futex2, einen Mutex-Mechanismus für noch effizientere CPU-Nutzung, und weitere direkt im System-Kernel integrierte Optimierungen (unter andrem Futex2, Gamescope HDR, Fsync, Winesync, Open RGB, AMD CPCC, Steam-Deck-Support).

Nobara Project bietet neben den zahlreichen bereits aufgelösten Abhängigkeiten und System-Kernel-Optimierungen auch eine sinnvolle Auswahl an Spezialprogrammen für Spieler und Streamer, so etwa das OBS Studio und Open RGB, ferner Steam, Discord und den Open-Source-Spielemanager Lutris.

Das Projekt bringt zudem alles mit, was das Leben (oder Spielen) unter Linux angenehmer macht. So sind beispielsweise der Proton-Updater Protonup-Qt bereits vorinstalliert und neueste Patches eingespielt. Auch das Flatpak-Framework ist nach der Installation der Distribution einsatzbereit und Flathub bereits eingebunden. Die CPU-Patches für AMD CPCC und die diversen Zen-Architekturen sowie GPU-Patches für AMD-GPU sollen für mehr Leistung sorgen. Verschiedene Leistungsmetriken wie Bilder pro Sekunde und Temperaturen sowie die CPU- und GPU-Auslastung, lassen sich komfortabel über das für die Grafik-APIs Open GL und Vulkan ausgelegte Mango Hud auslesen (https://github.com/flightlessmango/MangoHud/). Ebenfalls auf dem neuesten Stand sind Mesa 3D, Winesync und der DirectX-zu-Vulkan-Übersetzer DXVK (https://github.com/doitsujin/dxvk).

Als Rundum-Sorglos-Paket richtet sich Nobara Project somit vornehmlich an Linux-Einsteiger und Windows-Umsteiger, weniger an Profis und Individualisten, die einen Neuaufbau „from Scratch“ bevorzugen. Wie Steam-OS hebt aber auch Nobara das Thema „Spielen unter Linux“ in den Mainstream. Aktuell sieht es so aus, als könnte Linux auch zukünftig kontinuierlich neue Spieler für sich gewinnen. Denn alles steht und fällt mit dem Spieleangebot, und das wird unter Linux insbesondere über den Steam-Client stetig größer.

Spieledatenbank: Die gut gepflegte Datenbank von Proton DB stuft die Spiele entsprechend ihrer Linux-Kompatibilität in Klassen ein.

Spiele auf Kompatibilität prüfen

Wenngleich Linux im Hinblick auf seine Spielekompatibilität deutlich zugelegt hat, sollten Sie gewünschte Titel vorher immer kurz auf ihre Tauglichkeit hin prüfen. Am besten klappt das über die schon eingangs erwähnte Spieledatenbank von Proton DB (https://www.protondb.com/), die sich nach mehreren Kategorien filtern lässt, die für das Spielen unter Linux relevant sind. Spiele, die dort mit „Gold“- oder gar „Platinum“-Status eingestuft wurden, bieten ein gelungenes Spielerlebnis unter Linux, aber auch die Kategorie „Silber“ ist immer noch gut spielbar. Zum aktuellen Zeitpunkt besitzen 73 Prozent der Top-1000-Games bei Steam eine Gold- oder Platinum-Zertifizierung, weitere 13 Prozent wurden mit Silber ausgezeichnet. Lediglich vier Prozent der 1000 beliebtesten Steam-Spiele lassen sich unter Linux gar nicht spielen.

Um auch Spiele unter Linux ausführen zu können, die ursprünglich für Windows vorgesehen waren und noch nicht mit einem entsprechenden Kompatibilitätswerkzeug überprüft wurden, lässt sich Steam Play über den Steam-Client nutzen. Steam Play für Windows-Spiele unter Linux findet sich im Steam-Client unter „Steam –› Einstellungen –› Steam Play“. Hier müssen Spieler die Funktion „Steam Play für alle anderen Titel aktivieren“ auswählen. Anschließend lassen sich auch exotischere Titel starten, auch wenn der Erfolg hier nicht immer garantiert ist.

Auch das Angebot an nativen Linux-Spielen wächst stetig. Viele davon sind über die Website von Feral Interactive (www.feralinteractive.com/de/linux-games) zu finden. Hier werden zudem für alle unter Linux lauffähigen Spiele, ganz gleich ob nativ oder via Proton und Wine, die nötigen Systemanforderungen für das Spielen unter Linux angegeben. Das kann insbesondere für Einsteiger sehr hilfreich sein, zumal hier auch auf eventuell benötigte Softwarepakete hingewiesen wird.

Die Einstellung „Steam Play“ sollten Sie im Steam-Client immer aktivieren, damit auch Windows-Titel ausgeführt werden können.

Die Hardware: AMD, Intel oder Nvidia?

Spieler, die unter Linux spielen wollen, stehen nicht zuletzt vor der Frage, welche Hardware von den nötigen Grafikkomponenten und den Spielen am besten unterstützt wird. Die Antwort ist aktuell ziemlich einfach: Auch wenn Nvidia seinen Grafiktreiber bereits im Mai des vergangenen Jahres endlich auch als Open Source freigegeben hatte, hat sich AMD speziell in Bezug auf den Support des Grafikprozessors und dessen Feature-Set unter Linux einen deutlich besseren Ruf erarbeitet. Nicht ohne Grund setzen die namhaften Handheld-PCs, wie das Steam Deck, der GPD Winmax und das Asus ROG Ally allesamt auf eine APU von AMD, die eine Ryzen-CPU und eine Radeon-GPU vereint.

Die Empfehlung für das Spielen unter Linux lautet daher folgerichtig Zen 3 und Zen 4 sowie RDNA 2 und RDNA 3 – je nach finanziellem Budget und gewünschten Leistungswerten. Intel ist mit seinen Arc-Grafikkarten auf Basis der Alchemist-Architektur hinsichtlich Leistung, Kompatibilität und Stabilität noch nicht auf Augenhöhe mit AMD und Nvidia und kann daher nur bedingt empfohlen werden. Mit der richtigen Hardware ausgestattete Systeme sind auch im Hinblick auf die Spieleleistung durchaus in der Lage, die gleichen Ergebnisse zu erreichen wie unter Windows. Der auf die Messung von Gaming-Leistungsmetriken spezialisierte Youtube-Kanal Hardware Lab (https://www.youtube.com/@HardwareLab/) konnte zudem nachweisen, dass insbesondere die auf Proton-DB mit Gold und Platinum eingestuften Spiele unter Linux teilweise sogar mit mehr Bildern pro Sekunde gerendert werden. Auch wurde die mittlerweile gute Unterstützung der Strahlenberechnung mit der Hilfe von Raytracing sowie der Support für die KI-Upscaling-Technologien FSR und DLSS gelobt. Damit ist Linux auf dem besten Weg, eine moderne Gaming-Plattform zu werden.

„Feral Interactive“: Diese Website informiert Sie über die unter Linux empfohlenen Systemanforderungen und die benötigten Softwarepakete.

Fazit und Empfehlung

2023 spricht nichts mehr dagegen, die mannigfaltigen Vorteile einer Linux-Distribution, wie Sicherheit, Datenschutz, Modularität und Erweiterbarkeit, mit dem Hobby „Gaming“ zu kombinieren. Wenngleich in einigen Teilbereichen wie dem Support für Anti-Cheat-Engines und Online-Multiplayer-Spielen noch etwas Arbeit auf die Entwickler wartet, ist der aktuelle Status quo sehr erfreulich und nicht mehr vergleichbar mit dem Stand vor nur wenigen Jahren.

Probieren geht über Studieren und Spieler sollten am Ende nicht überrascht sein, wenn sich die „Gaming Experience“ unter Linux keinen Deut schlechter anfühlt als unter Windows. Die Empfehlung lautet daher, einfach mal eine vorkonfigurierte Spezialdistribution wie Nobara auszuprobieren oder eines der vielen Rolling Releases auf Basis von Arch Linux mit den entsprechenden Softwarepaketen auszurüsten und einfach loszulegen.

Benchmarks: Die Gamingleistung unter Linux kann sich sehen lassen und übertrifft nicht selten die von Windows erzielten Werte.