Distributionen | Hermann Apfelböck | 2/2025 | 31. Januar 2025

Strategische Distributionssuche

Für Linux-Einsteiger ist es eine erhebliche Hürde, in der Menge existierender Linux-Varianten und Oberflächen eine passende Wahl zu treffen. Oft entscheidet die eher zufällige Empfehlung eines Bekannten, der nur etwas mehr Linux-Erfahrung mitbringt.

Wer in Suchmaschinen einfach „best linux“, „best desktop linux“ oder Ähnliches eingibt und dann die Ergebnisseiten vergleicht, erhält neben subjektiven Favoriten des Autors einige Top-Distributionen, die praktisch immer erscheinen. Für Einsteiger ist das ein erster Weg, um eine Einschätzung für relevantes und exotisches Linux zu entwickeln – mehr aber nicht. Auch der Nutzwert des Distrochooser (https://distrochooser.de) bleibt begrenzt. Hier stehen etwa 30 Desktopdistributionen zur Wahl. Wer von Linux keine Ahnung hat und die Fragen nach bestem Wissen beantwortet, macht mit den obersten Empfehlungen nicht viel falsch, doch fallen die Ergebnisse mit Linux Mint, etlichen Ubuntus sowie Manjaro immer sehr ähnlich aus. Wer strategisch wählen will, sollte sich einige Filterkriterien zurechtlegen.

Die Systemkriterien

1. Releasemodelle: Linux-Distributionen versorgen über die Standard-Paketquellen das Betriebssystem mit Software und Updates. Dabei gibt es die deutlich unterschiedlichen Modelle Fixed, (Semi-) Rolling und Immutable. Für Einsteiger eignen sich nur Fixed Releases mit fester Versionsnummer und quasi statischem Standardsystem. Das Fixed-Modell ist jenseits von Arch-Linux fast überall Standard. Kernel und System bleiben auf dem ursprünglichen Stand und Updates korrigieren nur die aktuellen Sicherheitsprobleme. Bei LTS-Langzeitversionen erfolgen halbjährliche Funktions- und Kernel-Updates (Point Releases). 

Rolling Releases (Arch, Endeavour-OS, Manjaro, Solus-OS, Debian Sid, Rhino Linux, Open Suse „Tumbleweed“) kennen keine Systemversion, sondern halten Kernel, System und Software permanent aktuell. Dies ist mit Kompatibilitätsrisiken verbunden, deren Reparatur Einsteiger oft überfordert. Einen Kompromiss bieten Semi-Rolling-Mischformen zwischen Fixed und Rolling (MX Linux, KDE Neon, Tuxedo-OS).

Das Releasemodell Immutable (Fedora Silverblue, Endless OS) ist restriktiver als das Fixed-Modell und trennt Kernsystem und Software strikt. Abgesehen von Updates ist das Kernsystem für Nutzer wie Software unveränderlich. Programme werden als Flatpak- und Snap-Container installiert, die keine Eingriffe in das Kernsystem tätigen. Für normale Nutzer ist das Immutable-Modell aufgrund beschränkter Software und unflexibler Konfiguration kaum zu empfehlen.

2. Paketformate: Desktopnutzern mag es egal sein, ob der VLC-Player als DEB-Paket unter Debian, als RPM-Paket unter Open Suse oder als Arch-Paket unter Endeavour-OS läuft. Und könnte man Softwareinstallationen und Updates allesamt im grafischen Softwarecenter erledigen, bliebe das auch egal. Tatsächlich bieten grafische Zentralen aber nur Teilmengen, sodass fundamentale Kenntnisse des jeweiligen Terminal-Paketmanagers (apt, dnf, pacman) unverzichtbar sind. Wer Erfahrung mit einem dieser Tools hat, bleibt am besten dabei. Anfänger sind bei Debian & Co. am besten aufgehoben (breite Distributionsauswahl, Fixed Releases). 

3. Nachhaltigkeit: Für Einsteiger sind nur Distributionen zu empfehlen, die es seit vielen Jahren gibt. Projekte kleiner Entwicklerteams sind eventuell schnell wieder obsolet oder haben Mängel, die man nicht auf Anhieb erkennt. Alter und Konstanz einer Distribution sind oft einfacher im allgemeinen Wikipedia-Artikel zu ermitteln als in den unten genannten Suchwerkzeugen.

4. Sonstiges: Die Containerformate Snap und Flatpak benötigen eine unabhängige Verwaltung und sind durch Softwaregröße und erhöhte Systemkomplexität für viele Nutzer ärgerlich. Wer Snaps aus dem Weg gehen will, muss letztlich alle Ubuntus meiden (Ubuntu, Kubuntu, Lubuntu, Xubuntu …). Bei Flatpak ist die Situation entspannter, weil in der Regel nur die Verwaltungssoftware vorliegt, aber keine vorinstallierte Flatpak-Software (Linux Mint, Elementary OS, Fedora, Zorin-OS).

Ratgeber wie der Distrochooser fragen ab, wie man zu Systemd steht – eine Frage, die Einsteiger überfordern dürfte. Da dieser Init-Daemon unter Linux inzwischen Standard ist, ist eine Systemwahl mit Systemd generell anzuraten: Dies stellt sicher, dass verbreitete Hilfestellungen und Tipps auf dem eigenen Linux-System funktionieren.

Das Kriterium „Desktop“

Ein komfortabler Desktop ist vielen wichtiger als das Releasemodell oder das Paketformat. Die Oberfläche ist fundamental, weil es hier nicht nur um Menü und Systemleiste geht: Grafische Systemeinstellungen, Dateimanager, Taskmanager kommen vom Desktop und bestimmen den Alltag. Eine komplette grafische Nutzererfahrung, wie sie insbesondere von Windows-Nutzern erwartet wird, bieten Gnome (etwa Ubuntu, Fedora, Pop-OS), KDE Plasma (etwa Kubuntu, KDE Neon, Open Suse „Leap“) und Cinnamon (Linux Mint). Jeder dieser Desktops hat aber seine je eigenen Nachteile: Das Bedienkonzept von Gnome ist eigenwillig und im Verwaltungsbereich unübersichtlicher als KDE oder Cinnamon. KDE ist detailverliebt und nicht durchgehend einsteigerfreundlich, Cinnamon wiederum technisch nicht so weit wie KDE und Gnome (Wayland-Unterstützung). 

In einer zweiten Liga spielen Mate (Ubuntu Mate), XFCE (etwa Xubuntu, MX Linux, Voyager-OS), LXQT (Lubuntu), Budgie (Ubuntu Budgie) und Pantheon (Elementary OS). 

Oberflächen wie LXDE, Moksha, Openbox, Fluxbox wählen praktisch nur kompetente Nutzer, weil sie genau diese mögen oder weil sie Ressourcen sparen wollen. Sie bieten wenige grafische Werkzeuge und delegieren Teile der Systemverwaltung ins Terminal. Distributionen mit solchen Desktops (Kanotix, Bodhi, Bunsenlabs, MX Linux) sind in der Regel auf Sparsamkeit optimiert. 

Die Suchwerkzeuge

Die genannten Kriterien befähigen zu allgemeiner Webrecherche, um geeignete Distributionen zu filtern. Es gibt aber spezialisierte Anlaufstellen für solche Suche: Die deutschsprachige „Liste von Linux-Distributionen“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Linux-Distributionen) bietet einen Gesamtüberblick über die Derivate aller Linux-Hauptzweige. Neben einer Kurzcharakterisierung der Hauptzweige gibt es Mini-Steckbriefe zu den Derivaten. Durch die Verlinkung zu weiteren Wikipedia-Hauptartikeln (etwa zu „Debian“) kann man sich mit etwas Aufwand einen Überblick erarbeiten. 

Die englischsprachige Seite „Comparison_of_Linux_distributions“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Comparison_of_Linux_distributions) zeigt fundierte Infos zu einer Auswahl wichtiger Distributionen. Hier ist etwa die Existenz eines Livesystems oder eines grafischen Installers, der Standarddesktop oder die Standardsoftware recherchierbar. Abgesehen von der begrenzten Distributionsmenge bieten diese Tabellen die beste Entscheidungshilfe für strategische Suche. 

Englischsprachige Wikipedia mit Hardcore-Infos: Der Artikel „Comparison_of_Linux_distributions“ liefert in sechs Tabellen technische Details zu vielen prominenten Linux-Distributionen.

Distrowatch (https://distrowatch.com) liefert Basisdaten und knappe Charakterisierungen zu allen aktiven und obsoleten Distributionen. Das eigentliche Highlight ist der Suchfilter unter https://distrowatch.com/search.php. Hier erhalten Sie Antwort etwa auf die Frage, welche Debian-basierten Distributionen mit statischem Releasemodell („Fixed“) einen XFCE-Desktop anbieten. Unter „Package search“ können Sie etwa das Paket „linux“ (also den Kernel) auswählen und mit dem Filter „>= 6.12“ Distributionen anzeigen, die bereits diese Kernel-Version oder höher mitbringen. 

Fortgeschrittene Distributionssuche auf Distrowatch: Die gut gepflegte Datenbank ermöglicht interessante technische Auswahlfilter für gezielte Systemsuche.