Audio - Video - Foto | Stephan Lamprecht | 6/2024 | 27. September 2024

Ubuntu Studio vs. Fedora Jam

Beide Kreativ-Distributionen (hier Fedora Jam) verwenden KDE-Plasma als Oberfläche.

Geht es um die Produktion von Musik, genießt Linux einen untadeligen Ruf. Mit Ubuntu Studio und Fedora Jam gibt es zwei Distributionen, die den PC in ein digitales Tonstudio verwandeln. Wir haben beide einmal genauer unter die Lupe genommen.

Längst vorbei sind die Zeiten, als sich professionelle Musiker über endlos große Schaltpulte beugten oder eine Burg von Synthesizern vor sich stehen hatten. Die Digitalisierung hat Kreativen viele neue Möglichkeiten beschert. Auf die Bedürfnisse von Musikern sind die beiden Spezialdistributionen Ubuntu Studio und Fedora Jam abgestimmt.

Solider Unterbau

Die Namen verraten den jeweiligen Unterbau. Ubuntu Studio ist die offizielle Variante für Musiker (aber auch andere Kreative) und wird aktuell in der Version 24.04 als LTS-Variante angeboten. Bis April 2027 soll der Support für die Distribution aufrechterhalten werden. Wie von anderen Ubuntu-Versionen gewohnt, finden Sie auf der Seite des Projekts (https://ubuntustudio.org/) eine Livevariante, die Sie mit wenigen Klicks permanent installieren können. Die Studioversion nutzt einen Extra-Kernel, der sich durch besonders geringe Latenzen auszeichnet. Direkt nach dem Start beginnt Ubuntu Studio mit einem leicht fehlerhaften Einrichtungsassistenten, der nach der Eingabe des Netzwerkschlüssels nicht den nächsten Schritt ausführt. Mit dem Schließen des Fensters kann es dann aber weitergehen. 

Fedora Jam ist die Alternative für alle Anhänger von RPM-Paketen. „Fedora Jam Lab 40“, so der offizielle Titel, steht ebenfalls als Livesystem unter https://fedoraproject.org/de/labs/jam zur Verfügung. 

Beide Distributionen verwenden als Desktop KDE-Plasma, machen aber nur verhalten von den Effekten und Fensterdekorationen Gebrauch. Ubuntu Studio wirkt mit seiner am oberen Rand angebrachten Startleiste und dem Artwork etwas frischer und moderner, die Oberfläche von Fedora macht einen eher konservativen Eindruck. Unterschiede gibt es auch in der Ausrichtung der Programmsammlungen. Ubuntu Studio fokussiert sich nicht auf die Musikproduktion, sondern hat auch Podcaster und Grafiker im Blick und liefert in den verschiedenen Kategorien seines Startmenüs passende Anwendungen. Fedora Jam hingegen liefert an weiteren Programmen lediglich ein kleines Set. 

Was die Unterstützung an Hardware betrifft, präsentieren sich beide absolut auf der Höhe der Zeit. Entsprechende Hardwareschnittstellen am Computer vorausgesetzt, zeigen sich beide Kandidaten anschlussfreudig. MIDI-Klaviaturen unterschiedlicher Hersteller oder externe Mikrofone funktionierten im Test unmittelbar nach dem Einstecken. Das stellt auch Anfänger vor keine unlösbaren Probleme.

Die Hürde „Jack“ ist genommen

In einem klassischen Tonstudio wurden verschiedene Instrumente, Mikrofone und Effektgeräte mit Kabeln verbunden. Auf einem digitalen System mit den digitalen Pendants übernimmt diese Aufgabe das Jack Audio Connection Kit. Es bietet die Option, ganz intuitiv verschiedene Quellen und Aufnahmegeräte miteinander zu verbinden. Zudem kümmert sich der Daemon noch um einen weiteren wichtigen Punkt: Auf einer DAW (Digital Audio Workstation) spielt das richtige Timing eine wichtige Rolle. Latenzen, also unnötig verstrichene Zeit bei der Verarbeitung von Signalen, sind der Feind jeder Musikproduktion. Für das optimale Timing hat sich unter Linux Jack durchgesetzt. So überzeugend dessen Nutzung ist – die Einrichtung hat es in sich. Daher ist es ein großes Plus beider Spezialdistributionen, dass Jack dort bereits eingerichtet ist und auch automatisch gestartet wird. 

Dank der bereits erfolgten Einrichtung von Jack können die Nutzer unmittelbar Programme starten, die andernfalls nach dem laufenden Daemon gesucht hätten. Dennoch haben sowohl Ubuntu Studio als auch Fedora Jam eine hohe Lernkurve. Wer tatsächlich eigene Sounds erstellen und abmischen möchte, muss sich tiefer in die gesamte Materie einarbeiten. Was muss wie zusammengesteckt werden und wie findet man das entsprechende Signal dann in einem Mixer wieder? Dieses Wissen müssen sich die Nutzer selbst aneignen. Die Projektseiten bieten zwar einen Supportbereich, der sich aber auf das Setzen von Links zu den Dokumentationen der großen Anwendungen beschränkt.

Ein Vorzug der Kreativ-Spezialdistributionen besteht darin, dass der Soundserver Jack vorkonfiguriert ist und bereits ab dem ersten Systemstart läuft.

Voll mit Tools, Tools, Tools

Zur Grundausstattung von Ubuntu Studio und Fedora Jam gehört ein breites Angebot an Tools und Programmen rund um die Musikproduktion. Ins Zentrum stellen beide DAW Ardour. Dieser sucht sich beim ersten Programmstart automatisch passende Plug-ins zusammen, die dann innerhalb des Programms verwendet werden können. Hier liefern sich beide Distributionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen und haben mehr als 50 Plug-ins an Bord. Die Unterschiede in der Auswahl sind marginal und dürften selbst Profis kaum auffallen. In beiden Fällen sind klingende Namen dabei oder können problemlos (natürlich nur bei einem installierten System) über die jeweilige Paketverwaltung nachinstalliert werden. Die Distributionen bieten einen soliden Grundstock an beliebten Werkzeugen. Neben den bereits erwähnten Ardour und Jack gehören dazu dann das Audiorack- und Patch-Tool Carla, das Plug-ins in den Standardformaten LADSPA, LV2, DSSI und VST nutzen kann. Es besitzt auch eine experimentelle Bridge zu Wine, um Erweiterungen zu verwenden, die originär für Windows kompiliert worden sind. Ob dies dann tatsächlich funktioniert, erweist sich aber eher als Glücksspiel. 

Der erste Start von Ardour ist spannend, weil sich das Programm automatisch vorhandene Erweiterungen sucht. Die Liste ist in beiden Distributionen beeindruckend.

Enthalten sind zudem die sehr populären Anwendungen Audacity (ein Editor für Audiodateien), und das bekannte Qtractor, das seine Stärken im Zusammenspiel mit MIDI-Devices entfaltet, ferner der Sequenzer Hydrogen für Beats und Schlagwerk sowie der ein Softwaresynthesizer Yoshimi. Unterschiede gibt es dann wieder in der Zusammenstellung der anderen Pakete. Die Entwickler haben nahezu jedes sich noch in der aktiven Entwicklung befindende Audiotool eingepackt. Einige wirken in der Plasma-Umgebung dann allerdings wie altbackene Fremdkörper. 

Apropos Plasma: Die KDE-Arbeitsfläche ist nichts für betagte Rechner und benötigt selbst schon etwas mehr als ein GB RAM. Der von beiden Distributionen verbrauchte Speicherplatz auf Festplatte ist mit weniger als zehn GB moderat.

Perfekt für Hobby und Semi-Profis

Im direkten Vergleich geben sich die beiden Distributionen keine Blöße. Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Vorlieben, welche man einsetzen möchte. Für Ubuntu Studio spricht der lange Supportzeitraum. Ein weiterer Pluspunkt für Ubuntu ist die etwas weiter gefasste Zielgruppe. Während Fedora Jam ausschließlich Musiker im Blick hat, eignet sich Ubuntu Studio auch für Kreative, die einen Podcast produzieren und dafür vielleicht ein paar Samples und Musikclips bearbeiten wollen. 

Für das ambitionierte Heimstudio sind beide Distributionen bestens geeignet. Profis werden dennoch vermutlich in der Apple- oder Windows-Welt bleiben, weil führende Sequenzer- und Synthesizerprogramme nach wie vor keine Linux-Unterstützung der Hersteller erhalten.