Grundlagen | Hermann Apfelböck | 6/2021 | 24. September 2021

30 Jahre Linux

1991 startet ein finnischer
Student ein Hobbyprojekt namens „Freax“ mit 8000 Zeilen Code. Dass daraus Linux und das meistverbreitete Betriebssystem der Welt werden sollte, konnte niemand ahnen. Er selbst gewiss auch nicht.

1991 startet ein finnischer Student ein Hobbyprojekt namens „Freax“ mit 8000 Zeilen Code. Dass daraus Linux und das meistverbreitete Betriebssystem der Welt werden sollte, konnte niemand ahnen. Er selbst gewiss auch nicht.

2021 ist Linux ein Betriebssystem, das die Welt erobert hat und heute auf Milliarden Geräten läuft. Streng genommen ist „Linux“ nur der Kernel, alles Weitere an Tools, Window-Systemen, Oberflächen und kompletten Distributionen sind modulare Erweiterungen und Kompilationen aus unterschiedlichen Quellen. Unser Rückblick auf 30 Jahre Linux beschränkt sich auf ein kurzes „Damals und Heute“ und einen Zeitraffer bedeutender Meilensteine.

Vorgeschichte und Personen

Der Erfolg des unixoiden Linux des Linus Torvalds hat technische und lizenzrechtliche Urgründe, die man bei solcher Gelegenheit wieder ausgraben sollte: Der Quellcode von Unix wurde 1981 proprietär, was die Entwicklung eines neuen und nun wieder freien „Unix“ anschob. An vorderster Front steht der Idealist (und Ideologe) Richard Stallman mit seinem GNU-Projekt ab 1983 und seiner späteren GNU General Public License (GPL), die Torvalds 1992 dann auch für Linux wählte. Ohne die freizügige GPL, aber auch technisch ohne die GNU-Programme (Basistools wie ls, mkdir, cat, cp …) wäre der Linux-Weg nicht denkbar. Tragisch ist, dass sich Stallman heute nicht als Linux-Wegbereiter sieht, sondern sich von jedem Linux verraten fühlt, das sich nicht „GNU-Linux“ nennt. Für Stallman ist Torvalds nur ein pragmatischer Ingenieur ohne Prinzipien.

Noch eine Feindschaft, die in die Anfänge zurückreicht: Der Informatikprofessor Andrew Tanenbaum schrieb 1987 Minix – ein sehr kleines unixoides Betriebssystem, das Torvalds als Inspiration nutzte, dabei aber einfacher und pragmatischer vorging. 1992 urteilte Tanenbaum zum Teil durchaus fundiert, aber allzu vernichtend: „Linux is obsolete“. Tanenbaum rechnete mit Stallmans GNU-Projekt, dem „nur“ noch der Kernel fehlte („GNU Hurd“) – und bis heute fehlt. Die Entwicklung des Hurd-Kernels stagniert seit 2016 und ist wohl Geschichte.

Eine Kuriosität am Rande: Tanenbaums akademisches Minix wurde 2017 von Google-Entwicklern in den Chipsätzen aller Intel-CPUs entdeckt – ein nicht abschaltbares System unterhalb des Systems. Eine Hintertür für Techniker? Oder für wen eigentlich?

Wo steht Linux heute?

Von Tanenbaums frühen Kritikpunkten ist nur einer geblieben: Der Linux-Kernel ist monolithisch, insofern er die Hardwaretreiber integriert. Das gilt – in der Theorie – als fehleranfälliger als die strikte Trennung beim Mikro-Kernel oder beim Hybrid-Kernel (Kompromiss). Weitere Kritikpunkte hinsichtlich Portabilität und Entwicklungsmodell konnte Linux widerlegen: Das für x86-CPUs konzipierte Linux wurde auf alle Plattformen erfolgreich portiert: Am wichtigsten für Endanwender war die ARM-Portierung, die Linux den Weg auf unzählige Endgeräte ebnete. Mit der Entwicklungsplattform und Versionsverwaltung Git (als Nachfolger für Bitkeeper) gelang Torvalds die – laut Tanenbaum unmögliche – Aufgabe, „1000 eingebildete Katzen“ (Entwickler) zu zähmen.

Heute bildet Linux das Rückgrat der modernen IT. Router laufen mit Linux, virtuelle Webserver für Millionen Homepages ebenso. Dateiserver im Unternehmen arbeiten oft auch mit Linux. Dasselbe gilt für die marktbeherrschenden Android-Smartphones und Tablets. Zahlloses Embedded Linux arbeitet in Kameras, TVs, DVD-Playern, NAS oder Navis. Und die ganz Großen wie Googles Suchmaschine oder Amazons Clouddienste basieren ebenfalls auf Linux. Nach 30 Jahren ist Linux omnipräsent, natürlich auch auf PCs und Notebooks. Aktuelle Zahlen melden 2,5 Prozent Verbreitung weltweit. Nimmt man die Chromebooks (mit Chrome-OS) hinzu, sind es etwa 3,7 Prozent. Das ist im Vergleich zu anderen Linux-Repräsentationen wenig, aber mit Trend nach oben.

Zum Geburtstag viel Stoff

Anlässlich des 30. Linux-Geburtstages erhalten Sie auf der Heft-DVD das Gesamtarchiv der LinuxWelt 2004 bis 2021. Dies enthält viele zeitlose Anleitungen, die auch auf heutigen Linux-Systemen noch Gültigkeit haben, vor allem aber Distributionsvorstellungen, die eine historische Rückschau nicht auf 30, aber auf die letzten 17 Jahre Linux eröffnen. Ebenfalls auf der DVD finden Sie einen navigierbaren Stammbaum aller Linux-Distributionen. Im Heft folgt die eigentliche Linux-Hommage ab Seite 28. Dort sammeln wir unter dem Motto „30 Jahre Linux – 30-mal Linux-Power“ die mächtigsten Linux-Befehle und Eigenschaften.

Android 0.9: Was 2008 als Beta noch sehr bescheiden aussieht, dominiert nach kürzester Zeit – schon ab 2010 – den Smartphone-Markt.

Linux-Meilensteine 1991 bis 2021

1991: Linus Torvalds veröffentlicht die erste Version von Linux.
1992: „Linux ist obsolet“, sagt der Informatiker und Minix-Entwickler Andrew Tanenbaum.
1992: Der Kernel erhält eine freie GNU-GPL-Lizenz – der Startschuss für freie Distributionen.
1992: Start des Samba-Netzwerkprojekts
1993: Slackware 1.0 erscheint als allererste Linux-Distribution.
1993: Startschuss für die Laufzeitumgebung Wine – doch erst 2005 (!) erscheint die erste Beta 0.9.
1994: Debian 1.0 legt den Grundstein für die erfolgreichsten Linux-Distributionen.
1994: Die Projekte Suse Linux und Red Hat starten.
1995: Linux wird auf Amiga, DEC und Sun Sparc portiert.
1996: Start der Linux-Desktops KDE und XFCE
1996: Star Office 3.1 erscheint plattformübergreifend für Linux, Windows, Mac-OS.
1997: Start des Gnome-Desktops
1997: Der Netscape Navigator wird erster Standardbrowser unter Linux.
1998: Die internen „Halloween Documents“ offenbaren, dass Microsoft Linux als ernste Bedrohung einstuft.
1999: Linux wird auf die ARM-Architektur portiert.
2000: Knoppix legt mit Startversion 1.4 die Basis für Linux-Livesysteme.
2001: IBM investiert eine Milliarde US-Dollar in die Linux-Entwicklung.
2001: „Linux is a cancer“: Microsoft-Chef Ballmer beschimpft Linux als Krebsgeschwür.
2002: Open Office 1.0 wird veröffentlicht.
2002: Mozilla entwickelt Netscape weiter, das als „Firefox“ zum Linux-Standardbrowser wird.
2004: Die erste Ausgabe der LinuxWelt erscheint.
2004: Das erste Ubuntu startet gemäß der bis heute geltenden Namensregel (JJ.MM) im Oktober 2004 mit der Versionsnummer 4.10.
2005: Torvalds initiiert Git als Verwaltungplattform mit Versionskontrolle für den Linux-Kernel und für Open-Source-Software generell.
2006: Linux Mint 1.0 erscheint als leicht modifiziertes Ubuntu.
2007: Die gemeinnützige Linux Foundation (u. a. Intel, Samsung, Google, Citrix, Cisco) wird gegründet, um Linux rechtlich zu schützen und auf Standards zu achten.
2007: Asus bietet auf EEE-Netbooks vorinstalliertes Xandros Linux, Dell setzt bei einigen PCs und Notebooks auf Ubuntu.
2008: Googles Android 1.0 erscheint auf Basis des Linux-Kernels 2.6.
2009: Microsoft trägt konstruktiv Quellcode zum Linux-Kernel bei. Dies gilt als „historische Wende“ im Microsoft-Linux-Streit.
2010: Googles Linux-basiertes Android übernimmt nur zwei Jahre nach Einführung die Marktführerschaft bei den Smartphones.
2010: Start des Init-Daemons Systemd, der im Laufe des Jahrzehnts bei den meisten Distributionen das Kommando übernimmt.
2011: Google liefert Notebooks von Acer und Samsung mit dem Linux-basierten Chrome-OS aus (Chromebooks).
2011: Linux Mint startet seinen eigenen Desktop Cinnamon (auf Gnome-2-Basis).
2012: Der Mini-PC Raspberry Pi begründet eine neue Geräteklasse für Bastler. Zeitgleich ist das dafür optimierte Rasp­bian fertig (Debian-Variante).
2013: Spieleentwickler Valve veröffentlicht den Linux-Client für die Spieleplattform Steam.
2014: Das Supportende von Windows XP löst eine starke Umstiegswelle Richtung Desktop-Linux aus, die aber wieder abebbt.
2016: Canonical forciert sein unabhängiges Containerformat Snap durch den Einbau in Ubuntu.
2019: Linux-Kernel 5.0 enthält 26 211 072 Codezeilen: Version 1.0 hatte 1994 etwa 170 581, der Ur-Kernel von 1991 lediglich 8413 Zeilen.
2020: Virtuelle Linux-Maschinen dominieren den Cloudmarkt zu annähernd 90 Prozent.
2021: Der seit 2008 entwickelte Displayserver Wayland wird unter Ubuntu erstmals Standard (vorher nur bei Fedora).